Materialien, Ergänzungen, Grundlagen zum neuen Buch von Markus Frauchiger (2012)

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zu Kapitel 2: Narzissmus als gesellschaftliche Realität

Der amerikanische Soziologe Christopher Lasch meint, der Narzissmus sei "die beste Art und Weise, sich den Spannunngen und Aengsten des modernen Lebens gewachsen zu zeigen und die herrschenden gesellschaftlichen Umstände bringen deshalb die narzisstischen Charaktereigenschaften deutlich zum Vorschein, die in unterschiedlichem Grade bei jedem einzelnen anzutreffen sind." (Lasch 1979, S. 74)
Unter einer narzisstischen Gesellschaft versteht Lasch eine "Gesellschaft, die narzisstische Charakterzüge fördert und ihnen zunehmend Bedeutung gibt" (S. 15).
Charakterstörungen sind zum wichtigsten Gebiet der psychiatrischen Pathologie geworden und dass sich, wie daran erkennbar, die Persönlichkeitsstruktur gewandelt hat, hängt mit ganz spezifischen Veränderungen in unserer Gesellschaft und Kultur zusammen: mit der Verbürokratisierung, mit dem Ueberfluss von Eindrücken und Bildern, therapeutischen Ideologien, der Rationalkisierung des Innenlebens, dem Konsumkult und, ion letzter Insatnz mit Wandlungen des Familienlebens und veränderten Sozialisationsmustern.
(...) Als sekundäre Merkmale des Narzissmus könnte man bezeichnen: die Formen scheinbarer Selbsterkenntnis, das berechnende Verführungsgehabe, den nervösen, selbstabschätzigen Humor. (Lasch 1979, S. 53f.)

Es fällt diesem Typus leicht, auf andere Eindruck zu machen; er giert nach Bewunderung, verachtet aber alle, die er dazu bewegen kann, ihm Bewunderung zu zollen; er ist unersättlich in seinem Hunger nach Gefühlserlebnissen, mit denen sich die innere Leere füllen liesse; und er ist geängstigt durch Alter und Tod. (S. 60)

zur Kernberg-Kohut-Kontroverse:
Kernbergs Menschenbild ist eher pessimistisch. Für ihn ist der Mensch immer noch das mühsam kulturell gebändigte aggressive Triebwesen. (Mugerauer 2010, S. 151)
Kohut versteht psychoanalytische Heilung weitgehend analog zu glückender, früher, kindlicher Entwicklung. Kohuts Selbstpsychologie geht davon aus, die Bewegung in Richtung Heilung erfolge der Bewegung analog, "die unter günstigen Umständen in der frühen Entwicklung stattfindet" (Kohut: Wie heilt die PsA 1987, S. 296).

aus: Roland Mugerauer: Narzissmus (2010, 2te Aufl.)

zu Kapitel 7: Décroissance und Kapitalismuskritik: Small is Beautiful, Downsizing - Mässigung, Balance, Toleranz

René Zeyer hat nach seinen Bestsellern «Bank, Banker, Bankrott» und «Zaster und Desaster» wieder zugeschlagen.
Der Journalist («Geo», «FAZ», «Stern», «Blick») weiss als Kommunikationsberater in der Finanzbranche, wie grandios da gelogen wird. Sein neues Buch «Cash oder Crash» ist bei Orell Füssli erschienen.

Das gefährliche Geheimnis des Hebels

KLARTEXT: Autor René Zeyer hilft, die Finanzakrobatik der Euro-Retter auf Deutsch zu übersetzen.

Alle reden derzeit von einer Wunderwaffe gegen die Eurokrise – dem Hebel! Was aber ist dieser neuste finanztechnische Scherzartikel?
René Zeyer erklärt es uns in seiner soeben erschienen Gebrauchsanweisung «Cash oder Crash» so:
Ein finanzieller Hebel funktioniert so – einfach erklärt am Beispiel der Bank «Gier & Söhne». Die verfügt über ein Eigenkapital von 100 Euro und kann sich zum Zinssatz von 0 Prozent bei der staatlichen Notenbank Geld dazuleihen.
Nimmt «Gier & Söhne» nur die 100 eigenen Euro in die Hand und wettet darauf, dass der Kurs des Euro gegenüber dem Schweizer Franken um 3 Prozent sinken wird, dann verdient die Bank an dieser Wette genau 3 Franken, wenn das passiert.
Leiht sie sich hingegen 900 Franken dazu und die Wette geht auf, dann hat sie einen Gewinn von 30 Franken. Das wäre eine Hebelwirkung von 10, im modernen Banking werden gerne Hebel vom Faktor 40 und mehr eingesetzt.
Bei 100 Franken eigenem Geld und geliehenen 3900 Franken steigt der Gewinn auf 120 Franken. Allerdings jubiliert «Gier & Söhne» nur, wenn die Zukunft ihr den Gefallen tut, sich so zu verhalten, wie sie es prognostiziert hat.
Sollte der Eurokurs sich gegenüber dem Franken nicht verändern, wurde ein Nullsummenspiel betrieben. Ist der Euro so gemein, um 3 Prozent zu steigen statt zu sinken, und hat die Bank ein übliches Leverage von 40 eingesetzt, dann muss sie einen Verlust von 120 Franken verbuchen.

Einfacher ausgedrückt: Die Bank ist blank, pleite, bankrott. Wäre «Gier & Söhne» jedoch eine systemrelevante Bank, dann wird dieser Verlust vom Staat übernommen – es zahlen also die Steuerzahler bis zum Sankt Nimmerleinstag. Nur gut, dass Zeyer uns auch Weiteres verrät – in einfachen Worten.
Virtuelles Geld: Ich nehme 100 Taler und leihe die einem von mir selbst hergestellten Klon. Dann bitte ich den Klon, mir die 100 Taler wieder zurückzuleihen. Damit habe ich 200 virtuelle Taler hergestellt, zusätzlich zum real existierenden Geldschein. Diese verwende ich nun als Sicherheit für eine Kreditaufnahme von weiteren realen 100 Talern. Zusätzlich schliesse ich eine Versicherung darauf ab, dass der Kredit über 100 Taler tatsächlich bedient wird. Und so weiter.
Alle Beteiligten wissen dabei, dass es sich hier um eine reine Luftnummer handelt – an der in Form von Gebühren, Kommissionen, Kick-backs Geld verdient werden kann.
Angeschmiert ist nur der Dumme, der reales Geld geliefert hat. Aber der reicht seinen Verlust an den Staat weiter, der ihn mit einer weiteren Luftnummer begleicht.

Am Ende ist der Steuerzahler der Depp. Dem Hebel sei Dank


DICHTUNG UND WAHRHEIT - oder eine kleine Übersetzungshilfe für jedermann:
«Ich habe hier eine persönliche Empfehlung speziell für Sie.»
Ich muss dieses Produkt allen meinen Kunden verkaufen.

«Ich sehe grosses Potenzial.»
Ich sehe überhaupt nichts, aber unsere Analysten behaupten das.

«Ich habe ein auf Sie massgeschneidertes Anlagemodell.»
Ich habe in eine 08/15 Schablone Ihren Namen und Ihre Zahlen eingesetzt.

«Die Börse ist ja etwas volatil.»
Ich habe keine Ahnung, wo die Reise hingeht.

«Wir sollten auch an Steueroptimierung denken.»
Ich will Ihr Schwarzgeld nicht verlieren.

«Ich berate nur, die Entscheidungen müssen Sie treffen.»
Ich lehne jede Verantwortung oder Haftung ab.

«Vertrauen ist der höchste Wert für mich.»
Glücklicherweise hat Vertrauen keinen Wert.

«Ich arbeite nur in Ihrem Interesse.»
Ich arbeite nur für mich und meinen Bonus.

«Haben Sie schon an eine aktive Bewirtschaftung Ihres Vermögens gedacht?»
Unsere Fondsmanager brauchen neues Spielgeld.

«Ich verstehe, dass Sie von der Entwicklung Ihres Portfolios etwas frustriert sind.»
Ihr Gezeter geht mir auf den Keks.

«Wir sollten das objektiv sehen.»
Hören Sie endlich auf, mich anzujammern.

«Sie können mich jederzeit anrufen.»
Bloss nicht!




Pierre Bourdieu: Soziologie als Kampfsport

Seite 9: "Für manchen unswerer Philosophen (und Schriftsteller) ist Sein: im Fernsehen wahrgenommen werden", erklärt er beispielsweise in seinen berühmten Vorträgen "Ueber das Fernsehen". "Der Bildschirm wurde auf diese Weise eine Art Spiegel des Narziss." (ÜdF: 16f.).

Seite 10: Das Fernsehen, das "ein hervorragendes Instrument direkter Demokratie hätte werden können", verwandle sich "in ein Mittel symbolischer Unterdückung" (ÜdF:13).

Seite 13: Das Problem der Uebermittlung: Was geht verloren, wenn man seine Gedanken für die Medien zusammenkürzt? Könnte es womöglich unterkomplex sein, alle Sozialisten und Sozialdemokraten als verkappte Neoliberale zu verteufeln?

Literatur:

Pierre Bourdieu (1998). Ueber das Fernsehen. Suhrkamp, Frankfurt a.M.




Tilman Moser: Suche nach dem verlorenen Selbst. Rezension von Alice Millers "Das Drama des begabten Kindes". Quelle: DER SPIEGEL 29/1979

Tilmann Moser über Alice Miller: "Das Drama des begabten Kindes"
Alice Miller ist Psychoanalytikerin und Universitätsdozentin in Zürich. -- Tilmann Moser veröffentlicht nach "Lehrjahre auf der Gauch" und "Gottesvergiftung" im Herbst ein neues Buch: "Grammatik der Gefühle".
Es mag vom Temperament eines Psychoanalytikers abhängen, von den förderlichen oder schmerzlichen Erfahrungen in seiner eigenen Lehranalyse und schließlich vom Grad seiner eigenen Selbst-Verborgenheit. wie er sich in der gegenwärtigen Kontroverse um neue Behandlungsformen der sogenannten narzißtischen Störungen fühlt.
Was die einen als befreiende, wenn auch stille Revolution auf der analytischen Couch erleben, erscheint anderen wie viel Lärm um beinahe nichts. Begeisterung auf der einen Seite, Kopfschütteln und Hohn auf der anderen. Neue Kontinente im Verständnis des Unbewußten -- oder Altbekanntes, nur in neuer, aufwendiger Terminologie?
Hat Freud im wesentlichen alles gesehen, was es im Reich des Unbewußten zu sehen gab, und bedarf es also nur -- ähnlich wie bei Marx in bezug auf das Funktionieren der Gesellschaft für Marxisten -- einer immer genaueren Exegese und geduldigen Einfügens neuer Phänomene in den bekannten Begriffsrahmen? Oder kristallisiert sich eine grundsätzlich neue Perspektive heraus, in deren Licht auch wichtige Thesen Freuds einen veränderten Platz im erweiterten Gebäude der neuen Theorie finden?
Neurosen gelten als mißglückte Versuche des Menschen, mit den immer neuen Konflikten, vor die die Triebentwicklung das Kind angesichts elterlicher oder gesellschaftlicher Verbote stellt, fertigzuwerden. Ein mehr oder minder schwaches Ich fügt sieh dabei entweder den Verboten oder erkämpft sich ein gewisses Maß an Freiheit, oder es rettet sich in die Geheimsprache seiner Symptome, in denen es Lust und Gehorsam mühsam zu verbinden versucht. Im günstigen Falle fühlt es dabei in der aktuellen Szene seine Konflikte und darf seine Gefühle auch ausdrücken: Wut, Haß, Trauer, Freude, Lust, Triumph oder den Schmerz der Niederlage. Wo nicht gefühlt oder gehandelt werden darf, kommt das reichhaltige Arsenal der Abwehrmechanismen zu Hilfe, und im Keller lobt fortan der Hexenkessel des Unzulässigen.
Wie aber, wenn eine Instanz, die das Fühlen erst möglich macht und die heim Konfliktmodell der klassischen Psychoanalyse im Ich fast selbstverständlich vorausgesetzt war als aktives Zentrum aller Abwehrvorgänge, schon im Anfangsstadium verkümmert oder austrocknet: das Selbst. Woraus es sich nährt, ist durch Heinz Kohuts Formulierung fast sprichwörtlich geworden: aus dem Glanz im Mutterauge.

Doch dieser Glanz kann vergiftet sein, und um die Art dieses Gifts kreist Alice Millers Buch. Vieles von dem, was sie schreibt, ist von Pionieren der Psychoanalyse der letzten zwei Jahrzehnte in manchmal schwieriger Begriffssprache bereits formuliert worden, und sie nennt selbst die Namen, hei denen sie Anhalt und Rückendeckung gefunden hat: Spitz, Mahler, Winnicott, Kohut und andere.
Aber warum ist dann das schmale Bändchen faszinierend zu lesen? Warum setzt es atmosphärische Veränderungen in Gang nicht nur in den vielen stillen Kämmerchen der Psychotherapeuten, sondern auch dort, wo Menschen in seelischer Not zu anderen Menschen kommen, die verstehen und raten wollen?
Es ist eine bestimmte Form von Pathos, die einer verwenden mag, der sich selbst und viele andere auf einen inneren Abgrund zulaufen sah und sieht, es sei denn, er versammelt seine ganze Kraft in einen Text, in dem Erkenntnis und Mahnung zu einer Botschaft werden. So eindringlich schreibt nur jemand, den eine bestimmte Erkenntnis vor der Verzweiflung bewahrt hat, und der nun darangeht, die Verzweiflung vieler anderer zu seinem zentralen Thema zu machen.
Kein Mensch hat ein angeborenes Selbst, das aus eigener Kraft zur Entfaltung käme. (Goethes Entelechie der Persönlichkeit wäre eine Behauptung von etwas rein Hypothetischem, wäre es ihm nicht absolut geläufig gewesen, daß es dazu des mütterlichen und väterlichen Nährbodens bedarf.) Aber es gibt ein angeborenes Bedürfnis nach der Entwicklung eines Selbst. Nur: Wer es nähren will, muß guten Boden in sich haben. Er muß sich so verhalten können, als hätte schon das Neugeborene eine Persönlichkeit, deren selbständiges Wachstum Freude bereitet. Und er muß ein selbständiger, mit sich weitgehend einverstandener Mensch sein, wenn er die neu sich bildende Selbständigkeit bejahen und mit Freude fördern will.
Kinder erfüllen viele Zwecke für die Eltern, viele sind dem Volksmund geläufig. Alice Miller hat aus ihren Behandlungen und aus der Kindheitsgeschichte von Hermann Hesse Situationen herausdestilliert und verdichtet, die das Mißlingen des Selbstwerdens schon in frühester Zeit dramatisch aufzeigen.
Viele Mütter brauchen gefügige Kinder, an denen das eigene innere Chaos gerade noch in Schach gehalten werden kann. Oder sie brauchen sie, um überhaupt ein Echo auf ihr sonst leeres Leben zu haben. Oder sie brauchen sie, um ihre geheime Selbstverachtung durch grandiose Zukunftsphantasien für das Kind zu heilen. Das Gefühlsleben des Kindes kippt dann um wie ein überdüngter See, der sich nicht mehr selbst regenerieren kann.
Wer der Stolz seiner Eltern sein muß, weiß nie wirklich, ob er geliebt wird: es bleiben immer Bedingungen, oder, im schlimmeren Fall, eine schleichende Erpressung. Was dabei zustande kommt, nannte Winnicott ein "falsches Selbst", das die oft unbewußten Erwartungen der Eltern zu seiner eigenen Substanz gemacht hat. Was das Kind wirklich ist, weiß dann niemand mehr. Um der Leere zu entgehen, denkt es sich oft Wunderdinge über sich aus, verliebt sich, um sich nicht zu hassen, in ein Traumbild von sich selbst, oder in das Traumbild, das die litern von ihm haben. Je wichtiger das Kind als Krücke für die Eltern ist, desto größer wird später die Angst, wenn es, in einer Beziehung oder in einer Therapie, sich vor die ersehnte und zugleich erschreckende Möglichkeit gestellt sicht, daß da einer fragt: Wer bist du eigentlich?

Wer der Stolz der Eltern war durch dringlich erwartete Leistung oder "vorzeigbare Dressur, kann nur immer mehr leisten oder sieh immer besser anpassen, um Panik oder Depression zu vermeiden, wenn die äußere Aiierkennung ausbleibt.
Mit ihrem Genie der frühen Anpassung, dem Radarsystem dafür, welche geheimen Bedingungen alkin in der Familie ein Minimum von /uneigung erbrachten, unterläuft es solchen Menschen, wenn sie schließ] ich nicht mehr weiterwissen und zum Analytiker gehen, daß sie die Überzeugungen des Therapeuten, auch wenn die unbekömmlich sind, in sich aufnehmen, ja aufsaugen, weil ihnen der innere Spielraum fehlt, auch nein zu sagen.
Und hier treibt Alice Miller die notwendige Selbstreflexion des analytischen Standes um ein wichtiges und notwendiges, wenn auch kränkendes Stück voran. Es wird kaum einen Analytiker geben, der nicht das eigene Verstanden-Werden oder Selbst sein-Dürfen an wichtigen Stellen entbehrt hätte. Die Gefahr- ist nur, daß die Patienten dann für ihn etwas leisten müssen, was Mutter und Vater nur unzureichend geben könnten: totale Autmerksamkeit, Beachtung, Bewunderung und die endliche Respektierung der eigenen Meinung.
Folgerichtig handelt das erste Kapitel des Buches nicht nur vorn "Drama des begabten Kindes", sondern auch von der "narzißtischen Störung des Analytikers", der sicher sein kann, daß das, was er hinter der Couch zu sagen hat, eine Art von Aufmerksamkeit findet, die sonst nur Menschen in Starsituationen zuteil wird, selbst dort, wo er vom Patienten bekämpft wird.
Die "Ermordung des Gefühls" (mit der Folge von leere, Verzweiflung, Scham und Depression) ist Alice Millers Thema, das Drama der Wiederbelebung des Fühlens die therapeutische Kehrseite. Man spürt, daß sie den Schmerz der Selbstverlorenheit an eigener Seele durchlitten hat und bereit ist, mit jedem Patienten anzunehmen, daß "seine Gefühle eine Geschichte erzählen, die noch niemand kennt". Oft genug ist es eine Geschichte mit sieh wiederholenden Szenen. in denen gerade die Kreativität des Kindes, seine Begabungen, seine selbständige Sensibilität oder seine eigene Entdeckung der Welt das Gleichgewicht der Mutter oder der Familie bedrohten.
Die subtilen Strafen der Beschämung und der Demütigung dringen bei diesem unterirdisch geführten Kampf gegen die Selbstentfaltung des Kindes tiefer ein als grobe Verbote. Alles, was an Verachtung hat geschluckt werden müssen, muß in der Behandlung dann vorübergehend der Therapeut schlucken. Für viele Analytiker ist dies die am schwersten zu bestehende Herausforderung, und die Erkenntnisarbeit, warum ein Patient ihn verachtet, braucht ein längeres Stück Weg bis zu ihrer fruchtbaren Erhellung: Sie führt unweigerlich zu den Klippen des Selbstwertzweifels, die jeder in sich trägt. Schaut man sich aber um und spürt zunehmend deutlich, wie subtil Verachtung in vielen sozialen Bereichen ein wichtiges Mittel der Selbsterhaltung ist, dann wird der Vorstoß zu den Quellen von Verachtung und Selbstverachtung ein mutiges und dringliches Unterfangen.
Alice Millers Buch ist von einem Ton des "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" getragen, der noch erkennen läßt, wie weit der Weg zur befreienden Erkenntnis war. Obwohl das Buch Hoffnung weckt, läßt sie nie Zweifel daran, daß der Mangel an Respekt vor dem Kind -- und zwar nicht nur vor seinen formulierbaren Bedürfnissen, sondern vor seinem so leicht störbaren Wunsch nach Selbst-Sein -- sehr tief zum psychischen Erbe der letzten Generationen gehört und daß die Unterbrechung der unmerklichen Tradierung des durch eigene seelische Not vergifteten Glanzes in den Augen der Eltern eine langwierige Aufgabe ist.
Aber die Aufmerksamkeit ist auf eine neue, packende Weise geweckt, und sie wirft ein neues Licht auch auf das Elend vieler Jugendlicher und Erwachsener, die durch den langerkämpften Freiraum der Lust gewandert sind und sich verzweifelt fragen, warum die Erregung so selten die Leere ausfüllt.

Neurose / Selbst

------------------- Neurosen gelten als missglückte Versuche des Menschen, mit den immer neuen Konflikten, vor die die Triebentwicklung das Kind angesichts elterlicher oder gesellschaftlicher Verbote stellt, fertigzuwerden.
Ein mehr oder minder schwaches Ich fügt sieh dabei entweder den Verboten oder erkämpft sich ein gewisses Maß an Freiheit, oder es rettet sich in die Geheimsprache seiner Symptome, in denen es Lust und Gehorsam mühsam zu verbinden versucht.
Im günstigen Falle fühlt es dabei in der aktuellen Szene seine Konflikte und darf seine Gefühle auch ausdrücken: Wut, Haß, Trauer, Freude, Lust, Triumph oder den Schmerz der Niederlage. Wo nicht gefühlt oder gehandelt werden darf, kommt das reichhaltige Arsenal der Abwehrmechanismen zu Hilfe, und im Keller lobt fortan der Hexenkessel des Unzulässigen.

Wie aber, wenn eine Instanz, die das Fühlen erst möglich macht und die heim Konfliktmodell der klassischen Psychoanalyse im Ich fast selbstverständlich vorausgesetzt war als aktives Zentrum aller Abwehrvorgänge, schon im Anfangsstadium verkümmert oder austrocknet: das Selbst. Woraus es sich nährt, ist durch Heinz Kohuts Formulierung fast sprichwörtlich geworden: aus dem Glanz im Mutterauge.

Doch dieser Glanz kann vergiftet sein, und um die Art dieses Gifts kreist Alice Millers Buch. Vieles von dem, was sie schreibt, ist von Pionieren der Psychoanalyse der letzten zwei Jahrzehnte in manchmal schwieriger Begriffssprache bereits formuliert worden, und sie nennt selbst die Namen, hei denen sie Anhalt und Rückendeckung gefunden hat: Spitz, Mahler, Winnicott, Kohut und andere.

Falsches Selbst:

------------------ Wer der Stolz seiner Eltern sein muss, weiss nie wirklich, ob er geliebt wird: es bleiben immer Bedingungen, oder, im schlimmeren Fall, eine schleichende Erpressung.
Was dabei zustande kommt, nannte Winnicott ein "falsches Selbst", das die oft unbewussten Erwartungen der Eltern zu seiner eigenen Substanz gemacht hat. Was das Kind wirklich ist, weiss dann niemand mehr. Um der Leere zu entgehen, denkt es sich oft Wunderdinge über sich aus, verliebt sich, um sich nicht zu hassen, in ein Traumbild von sich selbst, oder in das Traumbild, das die Eltern von ihm haben.
Je wichtiger das Kind als Krücke für die Eltern ist, desto größer wird später die Angst, wenn es, in einer Beziehung oder in einer Therapie, sich vor die ersehnte und zugleich erschreckende Möglichkeit gestellt sicht, dass da einer fragt: Wer bist du eigentlich?

Wer der Stolz der Eltern war durch dringlich erwartete Leistung oder "vorzeigbare Dressur, kann nur immer mehr leisten oder sieh immer besser anpassen, um Panik oder Depression zu vermeiden, wenn die äußere Anerkennung ausbleibt.

Mit ihrem Genie der frühen Anpassung, dem Radarsystem dafür, welche geheimen Bedingungen in der Familie ein Minimum von Zuneigung erbrachten, unterläuft es solchen Menschen, wenn sie schliessich nicht mehr weiterwissen und zum Analytiker gehen, daß sie die Ueberzeugungen des Therapeuten, auch wenn die unbekömmlich sind, in sich aufnehmen, ja aufsaugen, weil ihnen der innere Spielraum fehlt, auch nein zu sagen.

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Décroissance und Downsizing: die politische und weltanschauliche Dimension
"Derzeit verzetteln wir uns in einer reizüberfluteten Konsumsphäre, die unsere knappsten Ressourcen aufzehrt, nämlich Zeit und Aufmerksamkeit.
Durch den Abwurf von Wohlstandsballast können wir uns auf das Wesentliche konzentrieren, statt im Hamsterrad der käuflichen Selbstverwirklichung zusehends Schwindelanfälle zu bekommen.
Wenige Dinge intensiver zu nutzen und zu diesem Zweck bestimmte Dinge einfach souverän zu ignorieren, bedeutet weniger Stress und damit Glück." (Niko Paech in der Zeitschrift "Zeitpunkt" 112)

Analog zur individuellen Rückbesinnung auf das Wesentliche im Leben ist auch ein Runterfahren unserer hochtourigen Wirtschaft vonnöten - denn sonst kommen die Individuen immer wieder ins Hamsterrad des "immer mehr" zurück. Nebenbei gesagt ist Sparen und Kürzertreten auch wegen der Umwelt nötig. Hier treffen sich zwei meiner Haupt-Anliegen: der Ökologie-Gedanke und die Suche nach dem wahren Selbst.

"Unsere Welt ist heute mehr als je zuvor eine Welt in der Krise. Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Energiekrise, Klimakrise, Hungerkrise.
Die Folgen davon sind Krieg, Arbeitslosigkeit, Not und Elend.
Die Antwort der politischen und wirtschaftlichen Eliten auf diese Katastrophen ist – mehr vom Gleichen: stärkere Banken, mehr Wirtschaftswachstum, mehr Energieproduktion und -verbrauch, die endgültige Verökonomisierung des Klimas durch CO2- Handel, und Nahrungsmittel als Treibstoffe für Autos. Alle Vorschläge, die uns von den Regierenden als Lösungen präsentiert werden, beruhen auf der Annahme, dass durch eine Zunahme der Produktivität, des Handels, kurz: des Wachstums, sämtliche Probleme gelöst werden.
Die Erfahrung und die Vernunft sagen das Gegenteil. Das Wachstum kann in den Ländern des Nordens nicht die Lösung sein, der Wachstumszwang ist vielmehr das Hauptproblem. Die systemische Verpflichtung zum immer Mehr, immer Grösser, immer Schneller ist der blinde Fleck im Auge der EntscheidungsträgerInnen, der sie daran hindert, neue Ansätze zu verfolgen. Es ist offensichtlich, dass nur eine Ökonomie, welche die Bedürfnisse der Menschen nach Freiheit, sozialer Geborgenheit und einem würdevollen Leben ins Zentrum stellt, einen Beitrag zu einer friedlicheren, besseren Welt leisten kann.
Dass trotzdem das Wirtschaftswachstum das allererste Kriterium ist, das sämtlichen Regierungsprogrammen zugrunde liegt, kommt daher, dass das kapitalistische System mit seinen Macht- und Besitzverhältnissen zwingend auf Wachstum angewiesen ist. Dies spricht aber nicht für die Vernünftigkeit des Wachstumsdogmas, sondern vielmehr für die Notwendigkeit, den Kapitalismus ein für allemal zu überwinden und eine solidarische, selbstverwaltete, wirklich nachhaltige Ökonomie und Gesellschaft an seiner Stelle aufzubauen." (Philipp Zimmermann im Editorial "Decroissance - Die Mutmacherin").

"Die Katastrophe ist nämlich nicht unvermeidlich. Homo sapiens ist nicht am Ende, wohl aber Homo oeconomicus. Die soziale und ökologische Verelendung der Menschheit ist nicht in der Evolution festgeschrieben.
Unbegrenzter Reichtum ist kein Menschenrecht, so wenig wie unbegrenzter Individualismus. Lebensfreude und Verzicht lassen sich vereinbaren. Ein Ausweg aus unserer Zivilisationskrise ist möglich.
Wir können ihn finden, wenn wir den Mut haben, uns vom Wachstumsdogma zu verabschieden. (Ernst Schmitter in "Decroissance - Die Mutmacherin")

"Selbstbegrenzung ist ein Gegenbegriff zur Masslosigkeit, die unsere Gesellschaft in vielen Bereichen prägt. Anstelle der Bewegung zu «immer mehr, besser, grösser, schneller, reicher», die als vorbildlich gilt, wirbt Décroissance für «gut, zufrieden, massvoll, bescheiden, solidarisch»." (Decroissance - Die Mutmacherin).

Kapitalismuskritik:
Nach Lektüre von Dutzenden Büchern und Hunderten von Zeitungsartikeln zum Thema Finanz- und Wirtschaftskrise fassen die folgenden Regeln aus Ulrich Schäfers ausgezeichnetem Buch "Der Crash des Kapitalismus" das Thema sehr gut zusammen:

Regel 1: Der Staat darf Banken nur dann herauskaufen, wenn er diese anschließend einer schärferen Regulierung unterwirft.
Wenn Regierungen und Notenbanken sich auf eine Rettungsaktion einlassen, dürfen sie dies unter einer Bedingung tun: Sie müssen dafür von den Geretteten eine Gegenleistung verlangen. Der Staat macht sich angreifbar, wenn er die Verluste der Finanzindustrie sozialisiert. Deshalb darf er es nicht zulassen, dass die Geldmanager ihre Gewinne auf Kosten der übrigen Wirtschaft wieder privatisieren, wenn die Krise überwunden ist. Banken und Fonds müssen einer scharfen Kontrolle unterworfen werden, damit sich die Exzesse der letzten 15 Jahre nicht wiederholen.

Regel 2: Das Schatten-Bankensystem muss zerstört werden.
Die Banken haben das Schattenreich geschaffen, um der Regulierung auszuweichen. Sie haben Kredite in obskure Gesellschaften ausgelagert, um die Reservevorschriften ihrer Heimatländer zu unterlaufen. Das alte internationale Regelwerk für Banken, genannt Basel I, hat diesen Prozess noch beschleunigt: Es verlangt, dass die Banken für jeden Kredit, den sie in ihren Büchern haben, als Puffer eigenes Kapital von 8 Prozent bereithalten müssen – aber eben nur für Kredite, die in den Büchern stehen.
Dies veranlasste gewiefte Banker, die Kredite in Gesellschaften auszulagern, für die das Regelwerk nicht gilt. Das neue Regelwerk für Banken namens Basel II, das in Europa und Asien seit Anfang 2008 gilt, bisher aber nicht in den USA, versucht, das Problem zu lösen: Die Banken müssen für einen Teil der ausgelagerten Kredite einen Puffer bilden – jedoch nur für einen sehr geringen Teil. Sie werden also weiter versuchen, Kredite und Risiken auszulagern und ihre Bilanzen zu schönen. Wenn die Politik dies verhindern will, hilft nur eines: Die Regierungen müssen den Banken das Geschäft außerhalb der Bilanz verbieten. Das Mittel hierzu ist einfach:
Für alle Kredite, egal wo sie verbucht werden, müssen die Banken die gleichen Reserven vorhalten. Die Regel muss von allen Industrienationen und Schwellenländern akzeptiert werden. Auch von den USA.

Regel 3: Hedgefonds brauchen eine scharfe Kontrolle.
Anhänger des ungezügelten Kapitalismus behaupteten bis zum Oktober 2008 gern, dass die Krise jene Fonds verschont habe, die als besonders gefährlich galten: die Hedgefonds. Dies stimmt nicht. Tatsächlich stand am Anfang im Juni 2007 der Zusammenbruch der beiden Hedgefonds von Bear Stearns. Weitere Hedgefonds folgten. Ein Jahr später sind viele Zockerklubs in Not und treiben mit dem Verkauf von riesigen Wertpapierbeständen die Börsen nach unten. Sie haben sich gewaltige Schulden aufgeladen, mit denen sie die Gewinne nach oben getrieben haben; im Abschwung werden die Kredite zur Last. Seit dem Kollaps von LTCM 1998 sind alle Versuche gescheitert, die Fonds einer stärkeren Kontrolle zu unterwerfen oder einem freiwilligen Verhaltenskodex. Dies gilt auch für den Versuch der Bundesregierung während ihrer G7-Präsidentschaft 2007. Amerikaner und Briten, die erbittert Widerstand geleistet haben, räumen insgeheim ein, dass dies ein Fehler war. Das Problem dabei: Hedgefonds haben ihren juristischen Sitz in Steueroasen, in denen sich keine Behörde für sie interessiert. Ihre Geschäfte betreiben die Manager dagegen von London oder New York aus. Wer die Fonds kontrollieren will, muss deshalb deren Manager beaufsichtigen, so wie es eine Gesetzesinitiative des Europäischen Parlaments vorsieht. Ohne besondere Zulassung und regelmäßige Reports sollte kein Hedgefondsmanager sein Spiel treiben dürfen.

Regel 4: Besonders riskante Finanzprodukte müssen verboten werden.
Wer ein Finanzinstrument erfindet, kann dieses am nächsten Tag seinen Kunden anbieten. Wer ein Derivat kreiert, muss dies nirgends anmelden, bei keinem Aufsichtsgremium. Er kann es einfach verkaufen. Die Anhänger freier Märkte behaupten, die Märkte würden sich selbst regulieren und schlechte Produkte aussortieren. Tatsächlich geschieht dies nicht. Banken und Fonds haben »Giftmüll« in Billionenhöhe auf den Markt geworfen und den Eindruck erweckt, dass man aus großen Mengen zweifelhafter Anlagen durch bestimmte Konstruktionen wertvolle Papiere machen kann. Niemand fühlte sich zuständig. Wenn der Markt nicht in der Lage ist, die Verantwortung zu übernehmen, muss der Staat dies tun. Er sollte verlangen, dass die Finanzkonzerne sämtliche Instrumente, die sie erfinden, zulassen müssen – so wie es Pharmaunternehmen mit Medikamenten auch machen. Eine staatliche Behörde sollte die Instrumente prüfen und testen, ehe die Banken sie verkaufen dürfen. Sind die Instrumente zu gefährlich, muss die Behörde sie verbieten. Die amerikanischen Nobelpreisträger David McFadden und Joseph Stiglitz fordern solch eine Zulassungsbehörde, ebenso der deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn und Altkanzler Helmut Schmidt. Zudem sollte der Staat dafür sorgen, dass Derivate nur an der Börse gehandelt werden, also an einem öffentlichen Marktplatz. Derzeit werden 84 Prozent aller Derivate außerhalb der Börse verkauft, weshalb niemand den Markt durchschaut. Die Preise werden freihändig festgelegt.

Regel 5: Die Ratingagenturen müssen zerlegt werden.
Die drei großen Agenturen haben mit ihren Noten den Anlegern das Gefühl gegeben, dass sich Risiken wegzaubern lassen. Sie haben Kreditpakete mit besten Bewertungen versehen, obwohl diese Bündel vollgestopft waren mit Darlehen minderer Qualität. Die Agenturen haben die Banken, die sie für ihre Notengebung bezahlt haben, zugleich beraten, wie sie die Kreditbündel namens MBS oder CDO schnüren. Sie haben sich wie ein Mathematiklehrer verhalten, der seinen Schülern bei der Klassenarbeit hilft – und hinterher wundern sich alle, dass die Schüler nicht rechnen können. Die Aufsichtsbehörden sollten die Agenturen daher aufspalten: in einen Teil, der sich um das Rating kümmert, und in einen anderen, der die Banken berät. Die Ratingagenturen und ihre Auftraggeber müssen zudem alle Informationen offenlegen, die für ein Rating erforderlich sind. Dann kann jederzeit eine andere Agentur die Noten überprüfen und eigene, abweichende Bewertungen veröffentlichen.

Regel 6: Die Gehälter der Banker müssen begrenzt werden.
Wer als Investmentbanker arbeitet, profitiert immer: Steigt der Gewinn, wachsen die Gehälter ins Unermessliche und die Boni auf 20, 30 oder gar 40 Millionen Euro. In schlechten Jahren müssen sie nichts zurückzahlen und erhalten weiter ihr Grundgehalt. Investmentbanker versuchen deshalb, in kürzester Zeit so viel wie möglich herauszuholen – und gehen dazu oft übermäßige Risiken ein.
Aufsichtsbehörden und Finanzminister fordern darum, dass die Banken ihre Vergütungssysteme ändern. Der internationale Bankenverband IIF verspricht, dass die Institute selbst dafür sorgen wollen. Sie sollten dies auch tatsächlich tun und die Spitzengehälter kräftig kürzen, andernfalls müsste der Staat eine Gehaltsgrenze für Banker vorgeben. Denn Banken erfüllen eine öffentliche Aufgabe: Sie versorgen die Wirtschaft mit Geld, ebenso wie Notenbanken. Und auch für Notenbanker legt der Staat das Gehalt fest.

Regel 7: Die Finanzmärkte brauchen eine globale Aufsicht.
Derzeit kümmern sich in jedem Industrieland mehrere Behörden um die Finanzmärkte. Jedes Land organisiert die Aufsicht zudem auf seine Weise. Auch auf internationaler Ebene gibt es eine Vielzahl von Organisationen, die sich als Aufseher verstehen: vom Forum für Finanzstabilität über die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich und die G7 bis hin zum Internationalen Währungsfonds. Was fehlt, ist eine machtvolle Organisation, die alle Aufgaben bündelt – ein »globaler Sheriff für die Finanzmärkte«, wie es George Soros nennt. Man muss dazu keine Behörde schaffen, man kann den Sheriffstern dem IWF anheften und diesen mit weitreichenden Kompetenzen ausstatten. Den Finanzkonzernen wird all dies nicht passen. Sie werden jeden Versuch torpedieren, die Regeln zu verschärfen. Sie werden die Gesetze, die die Politik durchsetzen will, durch allerlei Sonderklauseln aushebeln wollen. Denn der Gewinn der Geldindustrie wird in einem regulierten Finanzsystem geringer ausfallen als in einem unregulierten. Doch die Politik muss standhaft sein, sie muss sich den Lobbyisten widersetzen. Denn ein stabileres Finanzsystem nützt allen. Es hat einen Wert an sich, weil es Verwüstungen im Rest der Wirtschaft verhindert. Der Staat darf sich daher mit einer Selbstverpflichtung der Finanzbranche nicht zufriedengegeben. Schließlich überlässt es der Staat ja auch nicht einer Runde von Bankräubern, im Strafgesetzbuch die Höchststrafe für einen Bankraub festzulegen. Zudem sollte der Staat nicht nur vor der eigenen Haustür für Ordnung sorgen. Wer die Finanzmärkte bändigen will, muss sich auch jene Länder vorknöpfen, die die Regeln der anderen unterlaufen und dadurch Anleger und Finanzkonzerne anlocken: die Steuerparadiese.




"Décroissance bedeutet Kampf gegen die Wirtschafts- und Finanzdiktatur. Deshalb ist die Bewegung gegen die so genannte freie Marktwirtschaft, also letztlich gegen den Kapitalismus. Es geht ihr aber nicht nur um die Ueberwindung eines Wirtschaftssystems, das auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln beruht. Es geht ihr um die Überwindung des Denkens in bloss ökonomischen Kategorien und des Handelns nach bloss ökonomischen Kriterien. Es geht ihr um die Ueberwindung des Machtstrebens, das untrennbar zum ökonomischen Denken gehört. Das bedeutet einen Mentalitäts- und Gesellschaftswandel, der schon vor – und natürlich auch nach – dem Uebergang in ein postkapitalistisches System wirken kann. Deshalb lautet die ganze Antwort:
Décroissance ist zwar antikapitalistisch. Sie ist aber nicht nur sinnvoll im Hinblick auf eine künftige – und ungewisse – Ueberwindung des Kapitalismus, sondern auch als Mentalitätswandel innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Die Radikalität des Décroissance-Gedankens lässt vermuten, dass eine Vereinnahmung der Bewegung durch den Kapitalismus weniger leicht ist, als dies bei früheren alternativen Bewegungen der Fall war, zum Beispiel bei den Achtundsechzigern oder den Grünen.
Die Begriffe und Werte, mit denen diese Bewegungen arbeiteten (Freiheit, Autonomie, Schonung der Umwelt usw.), lassen sich leicht im Interesse des Kapitalismus uminterpretieren. Das dürfte bei den Grundwerten der Décroissance schwieriger sein. Abgesehen von ihren ungewissen Erfolgsaussichten, ist sie deshalb ein Störfaktor für das Funktionieren des Kapitalismus." (Decroissance - Die Mutmacherin).

Mainzer-Thesen, These 5: Das Gesundschrumpfen der Wirtschaft und die deutliche Verringerung des Konsums sind mindestens in den reichen Ländern unvermeidlich.
Eine Ökonomie, die zu deutlichem „Gesundschrumpfen“ gezwungen sein wird, um letztendlich einen nachhaltigen Gleichgewichtszustand zu erreichen, stellt Wirtschaftssystem und Politik vor nie gekannte Herausforderungen. Dieser Wandel der Ökonomie wird politisch nur dann durchsetzbar sein, wenn Reichtum umverteilt und soziale Gerechtigkeit hergestellt wird.

Bereits ein Blick auf die Müllhalden der Welt zeigt, dass wir derzeit eine reine Verschwendungs-Wirtschaft, zelebrieren, die zwingend zum globalen Kollaps führen muss.
Durch die drohenden Ressourcen-Engpässe werden wir wahrscheinlich schon in den nächsten Dekaden gezwungen werden, mit deutlich weniger Energie- und Rohstoff-Verbrauch auszukommen als bisher. Das bedeutet ein deutliches Schrumpfen der Real-Ökonomie und damit des materiell definierten Lebensstandards gegenüber dem heutigen Niveau, - zumindest in der „Ersten Welt“. Eine schrumpfende Ökonomie wird keine Spielräume mehr haben, wie in der Vergangenheit soziale Benachteiligung über ein höheres Wirtschaftswachstum auszugleichen und soziale Konflikte zu entschärfen Im Gegenteil, jede Verringerung des Konsums verstärkt die Bedeutung der Verteilungsfrage: Wer darf wie viel in Anspruch nehmen und warum? Daraus ergibt sich, dass wirksame Begrenzung nur mit einer als gerecht empfundenen Verteilung gelingt. Falls diese gerechte Verteilung nicht gelingt, dann werden sich die sozialen Kämpfe in einer kaum vorstellbaren Weise zuspitzen.
In unserem Wirtschaftssystem haben sich inzwischen wenige, transnationale Unternehmen die Energie- und Rohstoff-Ressourcen gesichert; die Verteilung wird über den Markt bestimmt.
Es stellt sich nun die Frage: Kann ein allein vom Markt geprägtes Wirtschaftssystem eine gerecht empfundene Verteilung sichern?
Wir stehen wahrscheinlich vor folgenden Alternativen: Eine gegen die Bevölkerungsmehrheit durchgesetzte post-kapitalistische Raubtier-Ökonomie in einer „re-feudalisierten“ Gesellschaft („Barbarei“) oder ein halbwegs geordnetes Schrumpfen durch volkswirtschaftliche Pläne bei starker Zurücknahme des Rechts Einzelner, sich natürliche und gesellschaftliche Ressourcen privat unbegrenzt anzueignen.

Literatur zu Décroissance und Kapitalismuskritik (kleiner Auszug):

Nouriel Roubini - Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft
Die wohl beste Faktensammlung über die Weltwirtschaftskrisen 2008/2011
Paul Krugman - Die neue Weltwirtschaftskrise
Der sympathische Nobelpreisträger erklärt uns leicht verständlich die aktuelle Weltlage
Tim Jackson - Wohlstand ohne Wachstum
Das scheinbar Unmögliche möglich gemacht !
Christian Felber - Die Gemeinwohl-Oekonomie
Das Wirtschaftsmodell der Zukunft
Robert Kurz - Schwarzbuch Kapitalismus
Der Klassiker zur Kapitalismukritik - aktueller denn je!


Hans-Christoph Binswanger - Vorwärts zur Mässigung: Perspektiven einer nachhaltigen Wirtschaft
DER linke Schweizer Oekonomie-Professor mit der Quintessenz seines langen Forscherlebens
Urs P. Gasche, Hanspeter Guggenbühl - Schluss mit dem Wachstumswahn
Das überzeugende Schweizer "Plädoyer für eine Umkehr"
Seidl / Zahrndt (Hrsg.) - Postwachstumsgesellschaft
Sehr gute Einführung in die komplexe Thematik der sog. Décroissance
Robert Misik - Alles Ware
Konsumkritik vom Feinsten
Robert Misik - Genial dagegen
Kritisches Denken von Marx bis Michael Moore


  • Binswanger, Hans Christoph (2009). Vorwärts zur Mässigung. Murmann Verlag, Hamburg. ISBN 978-3-86774-072-2
  • Knolle, Helmut (2010). Und erlöse uns von dem Wachstum, Verlag Pahl-Rugenstein, Bonn.
  • Gasche, Urs P., Guggenbühl, Hanspeter (2010). Schluss mit dem Wachstumswahn – Plädoyer für eine Umkehr, Rüegger Verlag, Zürich.
  • Seidl, Irmi und Zahrnt, Angelika (2010). Postwachstumsgesellschaft – Konzepte für die Zukunft, Metropolis Verlag, Marburg. ISBN 978-3-89518-811-4.
  • Staud, Toralf (2009). Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen – Lügen, bis das Image stimmt, Kiepenheuer und Witsch, Köln. ISBN 978-3-462-04106-4.



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    Markus Frauchiger - Emotionstheorien und ihre Relevanz für die Psychotherapie

    I. Von William James bis Leslie Greenberg II. Von der Amygdala zu den Spiegelneuronen III. Psychologie und Neuroscience IV. Was haben Emotionen mit Psychotherapie und Supervision zu tun ? V. Ein Integratives Weltbild

    "der Versuch, emotionale Phänomene von der klassischen Psychologie und der modernen Hirnforschung aus zu erklären"

    Seminararbeit VU Amsterdam Nachdiplomstudium Supervision
    < Markus Frauchiger, CH-3097 Liebefeld bei Bern


    Ich möchte den Themenkomplex "Emotionen, woher, wohin ?" in vier Teilen angehen.
    Als erstes stelle ich die klassischen Emotionstheorien vor, so wie sie v.a. aus der kognitiv-behavioralen Forschungstradition der universitären Psychologie hervorgegangen sind. Hier gehe ich insbesondere auf das integrative Modell von Leventhal ein. In einem zweiten Teil versuche ich, die aktuelle neurowissenschaftliche Forschung in Bezug auf den Erkenntnisgewinn "Emotion und Gehirn" zusammenzufassen. Hier spielen v.a. LeDoux und Rizzolatti eine grosse Rolle.
    Als drittes steht eine Synthese an, soweit sie denn möglich ist zwischen Psychologie und Neuroscience mit der Hypothese, dass die neueren neurowissenschaftlichen Erkenntnisse endlich ein Fundament erschaffen haben, auf dem es möglich ist, die bisherigen psychologisch-empirischen Theorien abzustützen und, falls nötig, zu modifizieren. Hier versuche ich aufzuzeigen, dass Leventhal und Petzold auch ohne Neuroscience gar nicht so falsch lagen ...
    Ein vierter Teil soll anhand der beiden angewandten Wissenschaften Psychotherapie und Supervision aufzeigen, wie Emotionen in die tägliche Arbeit besser und v.a. häufiger einbezogen werden können. Der Ansatz von Leslie Greenberg et al. soll stellvertretend für andere Therapietheorien erläutert werden.

    I. Psychologische Emotionstheorien

    Definitionen und Zitate: "Emotionen sind Reaktionsmuster, welche durch spezifische Personen oder Objekte (real oder imaginiert) ausgelöst werden; gewöhnlich werden Emotionen als Gefühle erlebt (...). Wortfelderhebungen belegen, dass unsere Sprache mehr als 400 Emotionsworte unterscheidet." "Emotionen sind Reaktionsmuster auf aulsösende Ereignisse, welche den Organismus darauf vorbereiten, möglichst effektiv in einem bestimmten Kontext zu handeln. Die emotionsbegleitenden körperlichen Veränderungen haben daher handlungsvorbereitende Funktion. Der Emotionsausdruck dient der Kommunikationd der Gefühlszustände" (Hamm in Karnath/Thier 2003). 1.1. Historische Entwicklungen in der Emotionspsychologie (Anmerkung: Ich beziehe mich im folgenden mehrheitlich auf eine ausgezeichnete Uebersicht, wie sie von Theo Schelp und Lilly Kemmler 1988 unter dem Titel "Emotion und Psychotherapie" veröffentlicht wurde, S. 45 - 49.) 1.1.1. William James: Historisch gesehen war William James der erste, welcher eine Theorie der Emotionsentstehung entwickelte: "Für die Gruppe der peripheren Emotionstheorien, die den Reaktionen des autonomen Nervensystems entscheidende Bedeutung für die Entstehung von Emotionen zumessen, steht die Theorie von W. James. Ihr Kernpunkt lautet: "Meine Theorie ... ist, dass die Wahrnehmung des erregenden Faktums die körperlichen Veränderungen direkt folgen, und dass unsere Empfindungen dieser Veränderungen, während sie stattfinden, die Emotion ist" (James 1890; 1962, S. 11). "James selbst räumt ein, daß seine Theorie dem Alltagsverständnis zuwiderläuft. Diesem zufolge würden wir, wenn wir beispielsweise einem Bären begegnen, durch irgendeinen Vermittlungsvorgang Furcht empfinden, zu zittern beginnen und da¬vonlaufen. Nach der Theorie von James ist der Ablauf aber umgekehrt: Wir fürch¬ten uns, weil wir den Bären wahrnehmen. zittern beginnen und davonlaufen (Schelp, Kemmler 1988, 45). Die Sequenz-Kontroverse (aus: Le Doux (19....). Netz der Gefühle, Kap.3) William James, 1884 definierte Emotion als „Reihe von Vorgängen, die mit dem Auftreten eines erregenden Reizes beginnt und mit einem Gefühl, dem bewußten emotionalen Erlebnis endet“ James´ These war, daß „die körperliche Veränderung unmittelbar der Wahrnehmung der erregenden Tatsache (dem Reiz) folgen, und daß das Empfinden dieser Veränderung die Emotion ist“ [keine körperlosen Emotionen!] Die physiologischen Reaktionen (somatische und viscerale) werden vom Menschen genauso interpretiert wie externe Informationen; jede Emotion hat ein spezifisches vegetatives und physiologisches Reaktionsmuster das dem Gehirn gemeldet wird, deshalb kommen verschiedene Emotionen zustande. REIZ REAKTION FEEDBACK EMOTION 1.1.2. Walter Cannon: Diese Theorie ist von Cannon (1927) einer umfassenden Kritik unterzogen worden. Aus dieser Kritik heräus formulierte er eine Gegenposition, die als erste kortikale Theorie der Emotionsentstehung zu betrachten ist. Danach ist es nicht die Rückmel¬dung peripherer physiologischer Veränderungen des autonomen Nervensystems, die zu emotionalem Erleben führt, sondern die dem Kortex rückgemeldete Erregung thalamischer Prozesse. Die Wahrnehmung eines Reizes wird über den T¬halamus/Hypothalamus an den Kortex geleitet und führt dort zu einer «einfachen Emp¬findung». Der Kortex enthemmt den Thalamus, wodurch es zum «Ausströmen» thalamisch hypothalamischer Impulse sowohl zentrifugal auf die Viszera und Ske¬lettmuskeln kommt (emotionales Verhalten) als auch zentripetal zum Rückstrom von Impulsen zum Kortex, der im Zusammenwirken mit der einfachen Empfindung des Reizes zum Erleben einer emotionalen Empfindung führt: Walter Cannon, 1929 (aus: LeDoux, Kap. 3) - „Konzept der Notfallreaktion“: In einer Notsituation wird der Blutstrom über das ANS zu den Körperteilen geleitet, so daß die Energie zu den notwendigen Stellen kommt. Adaptive Reaktion durch Erwartung („Kampf-oder-Flucht-Reaktion“, nur viscerale Reaktion)) . - Annahme, daß der sympathische Teil des ANS immer die gleichen physiologischen Reaktionsmuster (damaliger Wissensstand) verursacht, zudem stellte er fest, daß die visceralen Reaktionen (nicht die somatischen, die er nicht beachtete), so daß James´ Theorie des spezifischen Feedbacks nicht zutreffen konnte. Das Feedback war seiner Meinung nur für Intensität und charakteristische Dringlichkeit verantwortlich, die Emotion entsteht im Gehirn. Kognition und Emotion Schachter & Singer, 1962 – kognitive Interpretation - gingen auch von der Wichtigkeit körperlicher Reaktionen aus und versuchten, daß Problem der Unspezifität des ANS durch kognitive Interpretation (Kontext, Wissen, sog. Attributionen) zu lösen. - Daraus folgt, daß bei gleicher körperlicher Erregung in unterschiedlichen Situationen (Kontext) andere Emotionen empfunden werden sollten. Durch Injektion von Adrenalin und Gestaltung der Situation (angenehm, unangenehm, neutral) wurde die These überprüft: in verschiedenen Umgebungen ergaben sich (bei gleichem physiologischen Erregungsniveau) unterschiedliche Gefühle, die Intensität war aber abhängig vom Erregungsniveau. REIZ ERREGUNG KOGNITION EMOTION (a) Physiologische Erregung tritt auf; (b) Das Individuum nimmt diese Erregung war: (c) Das Individuum spürt ein Bedürfnis, eine Erklärung oder Ursache für die Erregung zu finden; (d) Eine externale Ursache wird identifiziert, und die internale Reaktion wird „ettikitiert“. Diese „Ettikitierung“ verleiht dem Gefühlszustand seine Qualität. Schachter & Singer vertraten einen attributionstheoretischen Ansatz der Emotionsforschung (Punkte c und d), in dem die physiologische Erregung, ausgelöst durch internale oder externale Reize, von dem kognitiven Prozeß der Attribuierung gefolgt wird. - Valins (1966) täuschte den Vpn die körperlichen Erregungsmuster vor (angebliche Herz-frequenz, die er manipulieren konnte) und konnte zeigen, daß mit dieser Reaktion assoziierte Bilder später präferiert wurden. Daraus folgerte er, daß Emotionen kognitiv repräsentiert sein müssen, um zur Emotion beizutragen, zudem wurde dadurch die Annahme von Schachter und Singer in Frage gestellt, daß die physiologische Erregung für Emotionen notwendig sei. Zudem stellte er oft eine retrospektive Attribuierung der Präferenzen fest, „sie versuchten, die Rückmeldung zu rechtfertigen“. (Weiner, S.250) - Schachter/Singer: Als dritte Haupt¬strömung in der Theoriebildung über Emotionen kann die große Gruppe der «Kog¬nition x Erreung»-Theorien angesehen werden, als deren bedeutendster Vertreter Schachter (z.B. 1964) gilt. In dem berühmten, dieser Theorie zugrundeliegenden Experiment von Schachter und Singer (1962) wurde angenommen, daß emotionales Erleben und Verhalten eine Funktion des Zusammenwirkens einer kognitiven Inter¬pretation der Situation mit einem Zustand unerklärter autonomer Erregung sei. Aus dieser Grundannahme wurden folgende Hypothesen entwickelt: 1.) Bei einem «unerklärlichen» Zustand physiologischer Erregung wird ein Individuum in Abhängigkeit von den verfügbaren Kognitionen diesen Zustand jeweils unterschiedlich «etikettieren» und seine Empfindungen entsprechend beschreiben. 2.) Ein «Bewertungsbedürfnis» und damit eine emotionale Etikettierung entsteht nicht, wenn das Individuum sich selbst den physiologischen Zustand angemessen erklären kann. 3.) Sowohl die physiologische Erregung als auch Kognitionen über die erregende Situation sind zum Erleben der Emotion notwendige Bestandteile. Obwohl die experimentellen Daten letztlich nicht eindeutige Ergebnisse lieferten (vgl. Reisenzein, 1983), bleiben als zwar nicht unumstrittene, aber doch für eine integrative Emotionstheorie zu berücksichtigende Resultate festzuhalten: Es muß angenommen werden, daß die wahrgenommene physioloische Erregung für ver¬schiedene Emotionen eine notwendige, zumindest jedoch eine förderliche Bedin¬gung für deren Entstehung ist. Weiter ist offenkundig, daß die Qualität des emotio¬nalen Erlebens (das heißt welche Emotion erlebt wird), mit der Bedeutung zusam¬menhängt, die die «auslösende» Situation für das Individuum hat. Dies schließlich heißt, daß das Individuum im Laufe seiner kognitiven und emotionalen Entwick¬lung Differenzierungsvorgängen unterliegt, in denen sich ein Bedeutungs und ein Emotionsrepertoire entwickeln kann: - Leventhal (aus: Schelp, Kemmler, S. 49) Leventhals Prozeßmodell der Emotionen vereinigt die drei hier kurz vorgestellten Theoriegruppen in den jeweils wichtigsten Gesichtspunkten. In der Darstellung seiner Theorie geht Leventhal (1982) davon aus, daß das zentrale Kennzeichen von Emotionen das subjektive Erleben emotionaler Zustände ist, die eine Bedeutung für das Individuum haben. Beispielsweise heißt Furcht für ihn, daß der Organismus bereit zur Flucht ist, angesichts einer Gefahr, deren Überwindung für das Individuum zweifelhaft erscheint. Emotionen geben dem Individuum also Auskunft über seinen eigenen Zustand, sowohl auf der organismischen Ebene als auch auf der Ebene der Bedeutung. Bedeutung ist für Leventhal der zentrale Begriffsinhalt des Konstruktes Kognition. Er unterscheidet hier Wahrnehmungskognitionen und abstrakt begriffliche Kognitionen, die beide für ein Individuum mit Bedeutungen versehen sind. Die Kernaussage von Leventhals Theorie ist nun, daß Emotionen sich sowohl mit sensorisch perzeptiven Wahrnehmungskognitionen als auch mit willkürlich aktivierbaren (engl.: "volitional"), abstrakten Begriffskognitionen verbinden und mit ihnen interagieren können. Er nimmt jedoch an, daß sich Emotionen schneller und dauerhafter mit Wahrnehmungskognitionen verbinden, die auf konkreten Wahrnehmungen und Empfindungen beruhen. Solche Emotions Kognitions-Verbindungen bezeichnet Leventhal in Uebereinstimung mit den meisten kognitiven Psychologen als Schemata. Diese können wie folgt definiert werden: Schemata stellen verallgemeinerte, im Gedächtnis repräsentierte Objekte oder Vorgänge dar, die, wenn sie aktiviert werden, einen Evaluationsprozeß in Gang setzen: Informationen werden daraufhin geprüft, ob sie mit dem aktivierten Schema vereinbar sind oder nicht. Wenn nicht, wird das Schema verworfen und ein anderes aktiviert. Schemata vertragen eine bestimmte Unbestimmtheit, d.h. sie sind offen auch für nicht schon im Schema enthaltene Informationen. Diese «Leerstellen» können auch durch weitere Schemata ausgefüllt werden, so daß mehrere Schemata eine hierarchische Struktur bilden. (Lantermann, 1983, S. 258) An der Entstehung von Emotionen sind nach Leventhals Auffassung drei unterscheidbare Mechanismen beteiligt, die mit Schemata verschiedener Hierarchiestufen operieren: 1.) Sensorische Impulse des eigenen Gesichtsausdrucks führen spontan über Vor¬wärtsmeldung, (engl.: "feed forward") zu wenigen primären Gefühlen (Inter¬esse, Überraschung, Freude, Furcht, Trauer, Ärger, Ekel, Verachtung; vgl. die Grundemotionen von Izard, 1977). Leventhal betrachtet die diesen Ausdrucksformen zugrundeliegenden Gedächtnisrepräsentationen als weitgehend angeborene, automatisch aktivierte Ausgangsbasis des emotionalen Erlebens überhaupt. 2.) Aktivierung konkreter emotionaler Schemata, die auf die Wahrnehmung selektiv wirken, handlungsleitend sind und zu den strukturierten, ganzheitlichen Erfahrungen emotionalen Erlebens führen. Dieser emotionale Entstehungsmechanismus unterliegt in begrenztem Rahmen dem bewußten, willentlichen Einwirken des Individuums (z.B. können durch Imagination emotionale Erfahrungen aktiviert werden). 3.) Das abstrahierend begriffliche Emotionssystem schließlich erlaubt es einem Individuum, über seine Emotionen nachzudenken, sie zu klassifizieren, über sie zu sprechen und Schlußfolgerungen über Ursachen (Kausalattributionen) und Konsequenzen (Erwartungen und Bewertungen) zu ziehen. Dieses System ist weitgehend der willentlichen Kontrolle zugänglich und eröffnet die Möglichkeit der therapeutischen Beeinflussung von Emotionen. Leventhal (1982) geht davon aus, daß alle drei Mechanismen bei der Entstehung von Emotionen miteinander zusammenwirken und durch Vorwärts und Rückwärtsmeldungen dynamisch miteinander verbunden sind: Leventhal/Scherer Definition von "Emotion" (sensu Leventhal 1984): "Eine komplexe Synthese von a) expressiv-motorischen, b) schematisch-kognitiven und c) konzeptuell-begrifflichen (abstrakten) Informationen. Diese versorgt einen Organismus mit Informationen (Hinweisen) zu Reaktionen auf Situationen. Dies erlaubt dem Menschen, sich in einer adaptiven ("angepassten") Weise in der Umgebung zu orientieren". Eine "konstruktive" Theorie emotionaler Prozesse Folgende Autoren postulieren sog. "primäre Emotionen", welche in Gestik und Mimik kulturübergreifend gleich sind. Sie sind reflexhafte, unmittelbare Antworten auf die Umwelt (Zajonc 1980). Diese dienen dem biologischen und psychischen Wohlbefinden und Ueberleben: ANGST, FURCHT, TRAUER, UEBERRASCHUNG, EKEL und FREUDE (Ekman/Friesen 1975, Izard 1977). Mischformen davon ergeben eine Vielzahl weiterer Emotionen, wie z.B. LIEBE, STOLZ, NEID, HASS etc., bei welchen kognitive und motivationale Komponenten hinzukommen (Leventhal 1984). Gemäss Leventhal werden emotionale Erfahrungen in Gedächtnis-Strukturen codiert, welche motorische, schematische und konzeptuelle (siehe Definition oben) Komponenten enthalten. Wenn später eine Situation diesem gespeicherten "Prototyp" entspricht, wird der ganze Komplex automatisch und unwillkürlich aktiviert und ausgeführt. Dies erklärt die (scheinbare) Unmöglichkeit, solche emotionalen Zustände bewusst zu stoppen; dies gilt z.B. für das Sich-Verlieben ebenso wie für eine Panikattacke ... - Schelp/Kemmler - Petzold - - Lazarus' kognitiv-motivationale-relationale Theorie der Emotionen Aus: Litscher, Maya, in: Dick, Andreas. Uni-Skript 1996, S. 18 - 23, v.a. Tabelle 1 !!! Kernbeziehungsthemen Um die enge Verbindung zwischen Umwelt und Individuum hervorzuheben, hebt Lazarus deren separate Identitäten auf zugunsten von Einzelbeziehungen mit jeweils speziellen Bedeutungen, den sogenannten "Kernbeziehungsthemen" (core relational themes). Er nimmt an, dass im Verlauf des Lebens alle Menschen, unabhängig von einer spezifischen Kultur, diese grundlegenden Beziehungserfahrungen machen, indem sie bestimmte Kernbeziehungsthemen verinnerlichen, welche jeweils mit bestimmten Emotionen korrespondieren. Die Kernbeziehungsthemen haben einen unmittelbaren Bezug zu den Zielhierarchien des Individuums, die den Situationen ihre individuelle Bedeutung und Wichtigkeit verleihen: Wut ein erniedrigender Angriff gegen mich und die meinen Angst einer ungewissen, existentiellen Bedrohung gegenüberstehen Schuld einen moralischen Imperativ überschritten haben Scham versagt haben, einem Ich-Ideal zu entsprechen Trauer einen unwiderruflichen Verlust erlebt haben Neid wollen, was jemand anderes besitzt Eifersucht einer Drittperson übelnehmen, jemandes Zuneigung verloren zu haben oder gefährdet zu sehen Ekel unverdauliche Objekte oder Ideen einnehmen oder zu nahe daran zu sein (metaphorisch gesprochen) Freude angemessenen Erfolg in Hinblick auf die Erreichung eines Zieles machen Stolz Erhöhung der eignen Ich-Identität durch die Einsteckung von Anerkennung für geschätze Objekte oder Leistungen, die entweder von uns selber stammen oder von dem Mitglied einer Gruppe, mit der wir uns identifizieren Erleichterung ein unangenehmer ziel-inkongruenter Zustand hat sich zum besseren verändert oder ist verschwunden Hoffnung das Schlimmste fürchten aber sich nach Besserem sehnen Liebe Zuneigung wünschen oder erleben, die meistens, aber nicht notwendigerweise erwidert wird Mitgefühl gerührt sein durch eines anderen Leid und helfen wollen Tabelle XX: Kernbeziehungsthemen für jede einzelne Emotion (Lazarus 1991a, Table 3.4) Magda Arnold, 1960 – „Bewertungskonzept“ - Woher kommt die der Situation und der Emotion angemessene körperliche Reaktion ? - Def. Bewertung: „mentale Einschätzung des möglichen Schadens oder Nutzens einer Situation; die Emotion sei die empfundene Tendenz zu etwas Gutem hin und von etwas Schlechtem fort“ (hedonistische Komponente). - Der Bewertungsprozeß vollzieht sich (meist) unbewußt, seine Folgen werden bewußt als Emotion wahrgenommen (Furcht z.B. ergibt sich aus der Handlungstendenz fortzulaufen). Gefühle setzen die Handlung selbst nicht voraus, nur die Tendenz ist erforderlich. Unterschiedlichen Emotionen gehen unterschiedliche Bewertungsprozesse voraus, die im nachhinein introspektiv erkannt und neu bewertet werden können. Reiz Bewertung Handlungstendenz Gefühl - Lazarus (1966) führte Vpn grausamen Film mit unterschiedlichen verbalen Kommentaren (=Wertungen) vor; unterschiedlich starke emotionale Reaktionen zwischen den Gruppen wurden gefunden. Unterschiedliche Kontextinformationen führten bei den Vpn zu unterschiedlichen Bewertungsprozessen. Allg. kognitives Bewertungsmodell: Reiz Bewertung Gefühl - Lazarus vs. Zajonc Grawe-Skript 1996 Das Gemischte Strukturmodell nach Russell (1980) und die SASB nach Benjamin (1997) Dimensionen: Lust-Unlust bzw. Erregung-Ruhe Abb. aus dem Müller/Brühlmann-Skript ----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Zusammenfassend: Die Merkmale der Emotion Emotionen sind wie viele andere psychologische Begriffe hypothetische Konstrukte, die als solche nicht direkt beobachtbar sind. Auf Emotionen wird aus verschiedenen Indikatoren geschlossen. Das Gefühl, wovon im Alltag im allgemeinen gesprochen wird, ist nur eine Komponente der Emotion. Insgesamt gibt es mindestens fünf Komponenten des Emotionskonstrukts (Scherer, 1996), welche sich im Laufe der psychologischen Forschung über das Phänomen Emotion herauskristallisiert haben: 1. Neurophysiologische Reaktionsmuster (im zentralen und autonomen Nervensystem) 2. Kognitive Bewertungen 3. Motorischer Ausdruck (in Gesicht, Stimme, Mimik) 4. Subjektives Gefühl 5. Handlungstendenz oder -bereitschaft Wie diese Komponenten zueinander im Verhältnis stehen und ob sie alle wirklich für die Entstehung einer Emotion nötig sind, ist nicht eindeutig, doch dienen sie dazu, das Konstrukt der Emotion etwas fassbarer zu machen. Ein Beispiel sollte dies veranschaulichen: Nehmen wir an, dass eine Person nachts einem Hund begegnet, der nicht an der Leine ist. In dieser Situation von potentieller Bedrohung kann ein Prozess mit jenen Komponenten, die für eine Emotionsepisode typisch sind, beginnen. Die Person empfindet Angst (Gefühlskomponente) im Zusammenhang damit, dass sie den Hund als gefährlich bewertet (kognitive Komponente) und als der Hund zu bellen beginnt, bemerkt sie, wie sie zu schwitzen beginnt oder ihr Herz schneller schlägt (physiologische Reaktion), vielleicht steht der Person „die Angst ins Gesicht geschrieben“ (motorischer Ausdruck) und sie denkt daran wegzurennen (Handlungstendenz). Die einzelnen Komponenten entscheiden über die Intensität der Emotionsepisode. Eine kognitive Bewertung der Situation als unbedrohlich, vielleicht dadurch, dass der Hundebesitzer den Hund zurückpfeift, bewirkt, dass die Angst kleiner ist. Im Folgenden werden jene Komponenten der Emotion erläutert, die für das Verständnis für die emotionale Regulation wichtig sind: Eine der frühsten Emotionstheorien, die James-Lange-Theorie (James, 1890; Lange, 1885) fokussiert auf die Physiologie : Sie behauptet sehr sparsam, dass die Wahrnehmung körperlicher Veränderungen Emotionen sind (Body-Feedback Hypothese). Diese Überlegung illustriert folgender Satz treffend: Wir weinen nicht, weil wir traurig sind, sondern wir sind traurig, weil wir weinen. Cannon (1927) hat die James-Lange-Theorie dahingehend kritisiert, dass die körperlichen Reaktionen im Vergleich zu den emotionalen Reaktionen zu langsam und zu wenig differenziert seien, als dass sie den subjektiven Gefühlen eines Menschen entsprechen könnten. Cannon behauptet alternativ, dass sowohl subjektive Gefühle als auch die somatischen Reaktionen von neuronaler Aktivität des Hirns stammen und voneinander kausal unabhängig sind. Später haben Schachter und Singer (1962) eine modifizierte Version der James-Lange-Theorie entwickelt. Sie gehen davon aus, dass die Emotionen mit einer unspezifischen physiologischen Erregung einhergehen, die zum Beispiel für Freude oder Ärger nicht verschieden ist und dass situative Reize zur Interpretation eines Gefühls gebraucht werden. Leventhal (1984) geht davon aus, dass das Gefühlserleben nicht zwingend vom somatischen Feedback abhängt, dass dieses aber oft Grundlage für die emotionale Synthese darstellt. Die Frage nach der Rolle der Kognition in der Emotion wurde erst viel später thematisiert: Sie war Gegenstand einer Kontroverse zwischen Lazarus (1982, 1984) und Zajonc (1980). Zajonc geht davon aus, dass Kognition und Emotion zwei partiell unabhängige Systeme sind und dass Emotion kein postkognitives Phänomen ist, dass es also Emotionen gibt, die ohne kognitive Bewertungen stattfinden. Nach Lazarus sind Kognition und Emotion nicht voneinander trennbar und Kognitionen können auch automatisch und unbewusst geschehen. Greenberg und Safran (1987) gehen von interdependenten Systemen mit reziproker Kausalität aus. Zentral ist die Vorstellung, dass es im Rahmen des Erwachsenenalters keine emotionalen Episoden gibt, die frei von kognitiven Bewertungen sind und es umgekehrt keine Kognitionen gibt, in die nicht auch emotionale Erfahrungen einfliessen (Anmerkung: Ob es Emotionen gibt, die frei von Kognitionen sind, ist ein weitere Kontroverse (zum Beispiel Clore, 1994; Frijda, 1994; Lazarus, 1984). Mayer & Salovey (1995) gehen davon aus, dass es in der frühen Kindheit Emotionen gibt, die approximativ kognitionsfrei sind). Auch ist davon auszugehen, dass es sich beim Zusammenhang von Kognition und Emotion nicht um eine sequentielle Beziehung handelt, sondern dass ein reziprokes Feedback-Modell diese Beziehung adäquater beschreibt (zum Beispiel Candland, 1977). Die kognitiv-motivational-relationale Theorie der Emotionen von Lazarus ist wichtig für das Verständnis der Rolle, die Kognitionen im Zusammenhang mit der Aufrechterhaltung und Veränderung von Emotionen spielen. Lazarus (1991) geht davon aus, dass Emotionen eine Bewertung der momentanen Individuums-Umgebung-Beziehung im Hinblick auf die aktivierten Ziele darstellen. Nach Lazarus sind Emotionen grund sätzlich umgebungsbezogen und entsprechend sind die jeweiligen Emotionen mit einem sogenannten „Kernbeziehungsthema“ (s.o.) verbunden. Positive oder negative Emotionen sind das Ergebnis eines Bewertungsprozesses. Bei der primären Bewertung wird die Zielrelevanz (Ist das Ziel wichtig?), die Zielkongruenz (Habe ich das Ziel erreicht?) und die Art der Ich-Beteiligung (Was sind meine persönlichen Wertvorstellungen?) eingeschätzt. Die Evaluation nach diesen drei Gesichtspunkten entscheidet über die Qualität und Intensität des Gefühls. Die sekundäre Bewertung bezieht sich auf den Umgang mit den Gefühlen, die aus der primären Bewertung resultieren. Dabei geht es um die Zuschreibung der Verantwortlichkeit (Wer ist zum Beispiel Schuld an meinen negativen Gefühlen?), der Einschätzung des Coping-Pontentials (Wie kann ich mit der gegenwärtigen Situation umgehen?) und der Zukunftserwartung (Was erwarte ich in Zukunft für Ergebnisse?). Diese Bewertungsprozesse laufen unter Umständen automatisiert und nicht bewusst ab. Das resultierende Gefühl ist in der Regel einfach da. Bewusste Prozesse können aber auch eine wichtige Rolle spielen, vor allem dann, wenn beispielsweise die Zielrelevanz neu überprüft wird (Ist mir dieses Ziel wirklich so wichtig?). Diese Neubewertung kann schon bei der Emotionsentstehung eingreifen und beeinflusst so die Aufrechterhaltung des Gefühls. Die Prozesse der wiederholten Bewertungen können als emotionsregulierend betrachtet werden. Die Rolle der dritten Komponente der Emotion, der Ausdruck, wurde unter der Facial-Feedback Hypothese thematisiert: Beispielsweise mussten die Versuchspersonen in einem Experiment von Starck, Stepper und Martin (1988) unter einem Vorwand einen Stift so in den Mund nehmen, dass jene Muskeln, die zum Lachen gebraucht werden, entweder gehemmt (der Stift wurde mit den Lippen gehalten) oder stimuliert (der Stift wurde zwischen den Zähnen gehalten) wurden. Dabei wurde ein Trickfilm gezeigt und anschliessend mussten die Versuchspersonen beurteilen, wie lustig sie den Film fanden. Jene, die den Lachmuskel unterdrückten, fanden den Film weniger lustig als jene, die den Lachmuskel stimulierten. Derartige Experimente geben gewisse Hinweise darauf, dass der motorische Ausdruck rückwirkend auf das subjektive Gefühl wirkt. Von vielen Autoren wurde die spezielle Rolle des Feedbacks vom Gesicht auf die Qualität des Gefühls behauptet (zum Beispiel Izard, 1977, Tomkins, 1962). Ekman (1984) untersuchte den Unterschied zwischen willkürlichem und unwillkürlichem emotionalem Ausdruck, also Ausdruck, der zu einem Gefühl gehört und „falschem“ Ausdruck. Mit dem FACS (Facial Action Coding System; Ekman und Friesen, 1978) konnten sie in verschiedenen Untersuchungen zeigen, dass der „gespielte“ Ausdruck sich vom echten Ausdruck unterscheidet, was die Beteiligung der Gesichtsmuskeln anbelangt. Beispielsweise, dass ein unechtes Lachen („miserable smile“) vom echten insofern verschieden ist, dass es a) zu lange dauert, b) der On- und Offset zu abrupt ist, c) die Muskeln um die Augen nicht beteiligt sind und d), dass es asymmetrisch ist (Ekman, 1984). Das subjektive Gefühl als eine der wichtigsten Komponente der Emotion hat eine spezielle Bedeutung: Schon James (1890) hat mit seiner Vorstellung, dass Gefühle die Wahrnehmung körperlicher Veränderungen ist, angedeutet, dass das Gefühl die Reflexion körperlicher Veränderung darstellt. Scherer (1984, 1996) geht davon aus, dass das subjektive Gefühl das Zusammenspiel aller Komponenten der Emotion überwacht, reflektiert und integriert. Die Überwachung der sich ständig verändernden Subprozesse von Physiologie, Ausdruck und Handlungstendenz ist die Basis dafür, dass wir unseren Emotionen nicht nur ausgeliefert sind, sondern sie auch kontrollieren oder regulieren können. Emotionen sind ein moderierender Faktor zwischen dem Individuum und der Umwelt. Sie liefern uns wichtige Information über uns und die Aussenwelt, bewerten die Relevanz von Umweltstimuli, motivieren unser Handeln und lassen uns auf die Welt kommunikativ Einfluss nehmen. Kurzum, Emotionen regulieren unser Verhältnis zur Welt. Emotionen sind ein komplexes Geschehen, in dem viele Subsysteme des Organismus eine wichtige Rolle spielen. Die bisherigen Ausführungen haben vor allem die Rolle der einzelnen Komponenten bei der Entstehung des subjektiven Gefühls beleuchtet. Das Gefühl ist darüber hinaus als Reflexion und Überwachung aller Emotionskomponenten zu verstehen (Scherer, 1984). Dies ist die Voraussetzung dafür, dass der Emotionsprozess auch rückwirkend reguliert werden kann. II. Der Beitrag der Neurowissenschaft zur Emotionsforschung - Kandel - Le Doux - Damasio - Rizzolatti, Gallese - Ramachandran Ich möchte beginnen mit einer Klärung und Definitionen von Begriffen und deren Anordnung im Gehirn: ............... Abb. X: Lage und Struktur emotionsrelevanter Teile im Gehirn des Menschen Ich möchte weiterfahren mit einer Einführung in die physiologische Emotionsforschung und zitiere dabei zunächst ein paar Thesen aus dem berühmten Lehrbuch von Kandel et al. (1996), S. 607: "Eine Theorie der Emotionen muss die Beziehung zwischen kognitiven und physilogischen Zuständen erklären. Der Hypothalamus ist eine entscheidende subcorticale Struktur bei der Regulation von Emotionen: - Das autonome Nervensystem ist an emotionalen Prozessen beteiligt - Der Hypothalamus spielt eine Hauptrolle bei der Output-Kontrolle des autonomen Nerensystems - Der Hypothalamus kontrolliert das endokrine System - Durch Reizung des Hypothalamus können Manifestationen emotionaler Zustände selektiv ausgelöst werden Die Suche nach corticalen und subcorticalen Repräsentationen von Emotionen führte zur Amygdala: - Die Amygdala ist der im Zusammenhang mit Emotionen wichtigste Teil des limbischen Systems - Ueber den basolateralen Komplex gelangen die meisten sensorischen Informationen in die Amygdala - Der nucleus centralis der Amygdala projiziert in corticale Areale, die mit der Repräsentation von Emotionen betraut sind" Die "Lames-Lange-Schachter-Damasio-Theorie" (Kandel 1996, S. 609): .................... Zusammenfassend (aus Kandel et al. 1996, S. 623): "Das Zusammenspiel zwischen Amygdala, Hypothalamus, Hirnstamm und autonomem Nerbensystem auf der einen Seite sowie Amygdala, frontalem und limbischem Cortex auf der anderen Seite führt zu Erlebnissen, die wir als emotional bezeichnen. Das Verhalten von Patienten, denen der präfrontale Cortex entfernt wurde, stützt diese Vorstellung. Diese Patienten werden nicht mehr länger von chronischem Schmerz geplagt. Wenn sie Schmerz empfinden und entsprechende autonome Reaktionen zeigen, wird der Schmerz nicht mehr länger mit einem überwältigenden emotionalen Erlebnis assoziiert. Schädliche oder angenehme Reize haben also eine Doppelwirkung. Zum einen veranlassen sie die Amygdala, autonome und endokrine Reaktionen einzuleiten, die durch den Hypothalamus integriert werden und den inneren Zustand verändern; auf diese Weise wird der Organismus auf Angriff, Flucht, Sexualkontakt oder andere adaptive Verhaltenssweisen vorbereitet. Diese inneren Reaktionen sind relativ einfach auszuführen und erfordern keine bewusste Kontrolle. Sobald das Tier jedoch mit seiner Aussenwelt interagiert, kommt eine zweite Gruppe von Mechanismen ins Spiel, an denen auch die Grosshirnrinde beteiligt ist. Diese Mechanismen modulieren das Verhalten des Tieres auf eine ganz ähnlicghen Weise, wie propriozeptive Rückmeldungen über ein unebenes Terrain das zentrale Programm der Lokomotion modulieren." Die Amygdala als zentrale Repräsentanz im limbischen System, als Vermittler zwischen Stammhirn und Kortex Le Doux, zitiert aus "Das Netz der Gefühle" ............. Damasio: Die eigentlichen Emotionen: Eine Hypothese in Form einer Definition Unter Berücksichtigung der verschiedenen Arten von Emotionen kann ich nun eine Arbeitshypothese in Form einer Definition der eigentlichen Emotion liefern. 1. Eine eigentliche Emotion, wie zum Beispiel Glück, Trauer, Verlegenheit oder Mitgefühl, ist ein komplexer Ablauf chemischer und neuraler Reaktionen, die ein unverwechselbares Muster bilden. 2. Diese Reaktionen produziert das normal funktionierende Gehirn, wenn es einen emotional besetzten Stimulus (EBS) entdeckt, ein Objekt oder ein Ereignis, dessen Gegenwart entweder konkret oder in der Erinnerung die Emotion auslöst. Die Reaktionen laufen automatisch ab. 3. Durch die Evolution ist das Gehirn darauf vorbereitet, auf bestimmte emotional besetzte Stimuli mit bestimmten Handlungsrepertoires zu antworten. Doch die Liste der EBS ist nicht auf solche beschränkt, welche die Evolution vorgibt. Viele andere kommen hinzu, die im Zuge einer lebenslangen emotionalen Erfahrung gelernt werden. 4. Das unmittelbare Ergebnis dieser Reaktionen ist eine zeitweilige Veränderung des Zustands des Körpers selbst und des Zustands der Hirnstrukturen, die den Körper kartieren. und das Substrat des Denkens bilden. 5. Letztlich, führen diese Reaktionen direkt oder indirekt zu Bedingungen, die dem Überleben und Wohlbefinden des Organismus dienlich sind. Exkurs Spiegelneurone: Die von Rizzolatti, Gallese et al. im prämotorischen Cortex (Zone F5, entspricht der Broca-Zone beim Menschen) von Makaken entdeckten Neuronen sind aktiviert, wenn das Tier bestimmte Handlungen ausführt (das Greifen einer Rosine etwa) oder diese Handlung bei einem Anderen (dem Tierpfleger) beobachtet. Da auch bei Menschen Spiegelneurone in der Broca-Zone – wesentlich für Spache bzw. Sprechhandlungen - aktiv sind, wurden die Imitationsleistungen, für die die Spiegelneurone eine Grundlage bieten, als eine wichtige Erklärungsvariante für das Entstehen von Sprache herangezogen (Rizzolatti, Arbib 1998). Allerdings würde ich Arbibs Annahme eines „primitiven Dialogs“ – „This dialogue forms the core of language“ (ibid.) umformulieren in „primitive polylogue“, weil die „Multisubjektsituation“ ein Kommunizieren nach vielen Seiten erforderlich macht. Ramachandrans (2000) auf der Grundlage von Rizzolattis Arbeiten vorgetragenen weitreichenden Spekulationen über den „big bang“ in der Humanevolution vor ca. 40 000 Jahren, als in Europa bei den Cro-Magnon Menschen komplexe kulturelle Leistungen (Werkzeuge, Verzierungen, Malerei) aufkamen, für die die Aktivität der Spiegelneurone zentral stände, ist in der Tat dikussionwürdig (Hauser, Ramachandran et al. 2000), und das auf vielen Ebenen: Lernen erfolgt natürlich nicht nur durch die Aktivität von Spiegelneuronen, sondern ist als „cerebrale Gesamtleistung“ zu sehen, wenn man nicht in einen neurowissenschaftlichen Reduktionismus verfallen will. Und er betont auch: „mirror neurons are necessary but not sufficient“ (ibid.). Dennoch zeigt Rafael Nuñez, wenn er auf die „richness, the subtleties, the dynamism, and the complexity of the human mind“ verweist (in Hauser et al. 2000) zu Recht eine Reduktionismusgefahr auf, denn: Subjekte denken, nicht Neuronen. Sie sind indes die materielle Grundlage dieses Denkens. Es findet sich hier – wieder einmal – eine Schnittstelle zum „body mind problem“, dem Problem der Verschränkung von materieller (biochemischer, biophysikalischer) Wirklichkeit und transmaterieller (kognitiver, mentaler, psychologischer) Wirklichkeit, die die materielle als unverzichtbare Basis hat, so die Integrative Position (Petzold, van Beek, van der Hoeck 1994). Ramachandrans Diskurs löst dieses Problem nicht. Die auf Merleau-Ponty zurückgehende integrative Konzeption des „Leibes“, in dem die materielle und transmaterielle Dimension verschränkt ist, bietet für uns ein Arbeitskonzept für den derzeitigen Stand unseres Wissens und unserer konzeptuellen Arbeit. Im Leib wurde – u.a. durch die Mitwirkung von Spiegelneuronen - Weltwahrnehmung und Mitmenscherfahrung in komplexem Lernen verkörpert (eben darin liegt ein spezifisches Lerngeschehen) und – alle Rezeptivität von Außeneinflüssen übersteigend - zu einer je einzigartigen Subjekthaftigkeit gestaltet (auch das ist ein spezifisch menschlicher Lernprozess, er fehlt den Tieren). Diese Prozesse evolutionären Lernens sind älter als ein vermuteter „big bang“ der Humanintelligenz an der Grenze zur Jungsteinzeit, sondern es müssen kontinuierliche kollektive Lernprozesse auf hohem Niveau angenommen werden. In Afrika und Asien wurden weitaus ältere Zeugnisse der Werkzeugherstellung gefunden - Acheuléen-Werkzeuge seit ca. 1.4 Millionen Jahren - und einfache Schmuckformen als in Europa, was die eurozentrische „theory of the mind“ mit einem „big bang“ vor ca. 40 000 Jahren in Frage stellt. Außerdem läßt die Entwicklung des Hirnvolumens schon 150 – 200 000 Jahre früher differenziertere Intelligenzleistungen annehmen und die gemeinschaftliche Überlebensarbeit des Gruppentiers „Mensch“, wie sie aus den Funden ersichtlich wird, verweist auf eine doch schon recht komplexe, kommunikationszentrierte Sozialstruktur. Die Artefakte zeigen technische Traditionsbildungen, die dokumentieren, daß bei der Weitergabe solcher handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten ein differenziertes Lehren und Lernen am Werk war, bei dem mimetische Imitations- und interaktive Synchronisationsleistungen – gestützt durch die Aktivität von Spiegelneuronen – eine zentrale Rolle spielten. Es handelte sich offenbar um Prozesse, in denen motorische Nachahmung einerseits und der polylogische mimisch-gestische, prosodisch-vokale und protoverbale (D. Bickerton 1990) und irgendwann auch verbale Austausch von Informationen andererseits, eine Grundlage für intracerebrale Konnektivierungen und Kommunikationen bildete, wie sie für das Gehirn eines voll kortikalisierten Hominiden des Sapienstypus kennzeichnend sind, dessen Großhirn nur zu 10-20% mit der Verarbeitung von Außeninput beschäftigt ist. Ansonsten beschäftigt sich „das System ... hauptsächlich mit sich selbst: 80 bis 90% der Verbindungen sind dem inneren Monolog [ich würde mit guten Gründen formulieren „Polylog“, H.P.] gewidmet. Dies ist ein erster und starker Hinweis dafür, daß im Gehirn Prozesse ablaufen, die vorwiegend auf internen Wechselwirkungen beruhen und nicht erst dann einsetzen, wenn von außen Reize einwirken ... Bedeutsamer wird mit zunehmender Entfernung von den Sinnesorganenen selbstgenerierte Aktivität, welche von den Sinnessignalen lediglich moduliert wird“ (Singer 2002, 103). Diese inneren, von komplexen sozialen, höchst mimetischen und kommunikativen Situationen angeregten Polyloge waren für die Entwicklung von Sprache, exzentrischem Bewußtsein und Kultur – und damit für Subjekthaftigkeit - maßgeblich. Die multiplen informationalen Konnektivierungen durch Mimik, Gestik, Prosodik, Laute, Zeichen „zwischen sich gegenseitig abbildenden und reflektierenden Gehirnen“ (ibid. 195), waren die Grundlage von Bewußtsein und Sprache, von komplexen kulturellen Leistungen einerseits und für die intracerebralen Entwicklungen andererseits. Die Prozesse der Kortikalisierung im Verlauf der Evolution, des Entstehens kognitiver Architektur, die Emergenz immer koplexerer kortikaler Leistungen ist von den Polylogen zwischen einzelnen Mitgliedern der Spezies Mensch bestimmt. Sie ermöglichen dann Simulationsleistungen, die synchronisiertes Handeln unterstützen, aber auch ein „mind-reading“, ein empathisches Erfassen des Anderen ermöglichen (Gallese, Goldman 1998). Sie förderten aber auch die cortico-corticalen Polyloge zwischen den verschiedenen Hirnarealen, die unterschiedlichste Informationen verbinden: Geruch, Geschmack, ertastete Oberflächenstruktur, Temperatur, Gewicht, Farbe usw. etwa zum „Gesamtperzept“ eines Apfels als einer Synchronisationsleistung – oder, komplexer noch, sie ermöglichen das Erfassen einer Gesprächssituation, ja die antizipierende Vorwegnahme des Gesprächsverlaufs, weil durch die sozialen Erfahrungen in zahllosen Polylogsituationen sich ein allen Gruppen- oder Kulturteilnehmern gemeinsames Wissen ausgebildet hat, ein „common sense“, eine geteilte „social world“ als Sets von „mentalen Repräsentationen“ (Moscovici 2001), Niederschlag kollektiver Erfahrungen auf verschiedenen Ebenen. Mit einer solchen Position wird affirmiert, was Kontexttheoretiker (Bronfenbrenner, Cole, Rogoff) in der Folge von Vygotskij (Petzold 2000h) herausgearbeitet haben: der gemeinsame Kontext bestimmt die gemeinsame Kultur, intermentale Wirklichkeit schafft intramentale (Vygotskij 1960, 191f). „Kinder [ja Menschen über ihre gesamte Lebensspanne sc.] wachsen in das geistige Leben der Menschen in ihrer Umgebung hinein“ (ders. 1978, 88) durch „psychologische Werkzeuge“ wie Sprach-, Symbol-, Zahlensysteme etc. wie Vygotskij, Lurija und ihre Schüler zeigen konnten. Intracerebral informieren sich einzelne Neuronen und Ensembles von Neuronengruppen, sie antworten aufeinander, stimmen sich ab, polylogisieren (Singer, Gray 1995; Singer 1999a) und generieren auf diese Weise durch Formatierungen und Reformatierungen von informationalen Konfigurationen Wissensstände von immer größerer Komplexität, aber auch immer leistungsfähigere Wahrnehmungs-Verarbeitungs-Handlungsperformanzen (Petzold, van Beek, van der Hoek 1994, deren Ausdruck in kommunikativen Akten nach „außen“ zu anderen Hominiden hin zu Prozessen kollektiven Lernens, eines Lernens durch Polyloge führt, denn „im Laufe der Hirnentwicklung hat sich ... die Möglichkeit angeboten ... auch die Inhalte der hierarchisch höherstehenden assoziativen Speicher über die bereits vorhandenen Effektorsystem zu externalisieren und damit Lebewesen mit ähnlich strukturierten Nervensystemen auf Zustandsänderungen im eigenen System hinzuweisen“ (Singer 2002, 218) bzw. spezifische innere Zustände zu kommunizieren, Primaten verfügen „über ein breites Spektrum akustischer und mimischer Signale, mit Hilfe derer sie ihre Gruppenmitglieder über ihre Stimmungen und Intentionen in Kenntnis setzen ... Die bereits für die einzelnen Gehirne charakteristischen rekursiven Prozesse weiten sich aus und beziehen die Gehirne der kommunikationsfähigen Artgenossen mit ein. Diese Iteration von Perzeption, Reflexion, Rekombination, Abstraktion, Kommunikation und Perzeption, die sich als unendliche Reihe fortsetzen kann, ist in der Lage, neue Systeme von fast beliebiger Komplexität hervorzubringen“ (ibid. 221). Diese anschauliche Beschreibung von Wolf Singer deckt sich weitgehend mit den Modellvorstellungen, wie sie in auch in der Integrativen Therapie entwickelt wurden (Petzold, van Beek, van der Hoek 1994; Petzold, Orth et al. 2001), nur daß wir den Akzent etwas anders setzen: die rekursiven Prozesse der Gehirne bestehen nicht „bereits“, d.h. seit eh und je, sondern die intracerebrale Rekursivität gründet in der permanenten Interaktion von Organismen mit ihren relevanten „environments“, in den Erzählungen (narrations) über diese Interaktion, die sich in Form von „evolutionary narratives“ (ibid.), von Mustern bzw. Programmen im Genom niedergeschrieben haben und sich bei jedem Organismus in seiner Interaktion mit gegebenen ökologischen und sozialen environments in entsprechenden Genexpressionen höchst spezifisch aktualisieren. Natürlich kann es nicht um die Frage nach der Henne oder dem Ei gehen: „Was war zuerst, der Polylog oder der plurifunktionale Neocortex?“ -, sondern es soll nochmals unterstrichen werden: Innere und äußere Polyloge bedingen einander und schaffen die Voraussetzungen für das Entstehen eines sensus communis, von „common sense“, von „social worlds“, von „représentations sociales“(vgl. S. Moscovici, A. Strauss u.a.), Phänomene, die in Polylogen gründen, in der Sozialpsychologie intensiv untersucht wurden und für die Prozesse kollektiven Lernens kardinale Bedeutung haben (und damit z.B. auch für soziotherapeutische Interventionen in der Integrativen Therapie). ------------------------------------------------------------------------------------------------------ SPECIAL: Die neue Medizin der Emotionen Sieben neue Wege der Heilung In "Die neue Medizin der Emotionen" stellt David Servan-Schreiber sieben alternative Methoden zur Behandlung von Stress, Angst und Depression vor, deren Wirksamkeit wissenschaftlich nachgewiesen wurde. Herzkohärenz Neuroemotionale Integration durch Augenbewegungen (EMDR) Sonnenaufgangssimulation Akupunktur: Die Steuerung des Qi Omega-3-Fettsäuren Adidas statt Xanax Emotionale Kommunikation Das menschliche Gehirn besteht aus zwei Teilen. Während das kognitive, rationale Gehirn, Sitz des Denkens und der Sprache, auf der Hirnrinde (Kortex) angesiedelt ist, liegt das emotionale Gehirn als eine Art „Gehirn im Gehirn“ in einer tieferen Schicht darunter. Das emotionale Gehirn kontrolliert alles, was das psychische Wohlbefinden regelt, sowie einen Großteil der Körperfunktionen: Herzschlag, Blutdruck, Hormone, das Verdauungs- und sogar das Immunsystem. Die beschriebenen Methoden wenden sich, auf dem Weg über den Körper, unmittelbar an das emotionale Gehirn. Fallbeispiele aus dem Buch Hoher IQ, niedriger EQ Marianne: Das Gefühl steckt im Körper Ohne Gefühle gerät das Leben aus den Fugen Herzkohärenz Kurzinformation von Sibylle Aisenpreis Wenn das Herz aus den Fugen gerät: Schwerer Stress, Depression, chronische Erschöpfung, Schmerz und Angst werden den neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen nach heute als Störung des Zusammenspiels von verschiedenen Anteilen des Nervensystems, des Herzens und der Emotionen verstanden. Somit ist für die Behandlung von chronischen und so genannten Zivilisationskrankheiten ein neues Verständnis für das Zusammenspiel von Herz, Gehirn und Nervensystem nötig. Durch einfache Atem- und Visualisationsübungen lassen sich diese Körpersysteme verändern und besser miteinander in Einklang bringen. Zwei Hirnsysteme: Antonio Damasio, Professor für Neurologie und Forscher auf dem Gebiet der Neurowissenschaften bezeichnet das psychische Leben als Ergebnis eines fortwährenden Versuchs der Symbiose zwischen zwei weitgehend unabhängigen Hirnsystemen. Diese Teilbereiche sind zum Einen das kognitive Gehirn, der sogenannte Neocortex, zum Anderen das emotionale Gehirn, auch limbisches System genannt. Der Neocortex funktioniert bewusst, rational und der Außenwelt zugewandt, im Gegensatz zum limbischen System, welches unbewusst arbeitet, in erster Linie aufs Überleben bedacht ist und in engem Kontakt zum Körper steht. Der Neocortex: Der Neocortex, bzw. präfrontale Cortex befindet sich an der Oberfläche, da er aus evolutionärer Sicht die jüngste Schicht des Gehirns darstellt und umhüllt das limbische System. Er besteht aus sechs Neuronenlagen, die dem Gehirn die Fähigkeit verleihen, Informationen zu verarbeiten. Der präfrontale Cortex steuert Achtsamkeit, Konzentration, Hemmung oder Unterdrückung von Impulsen und Instinkten, sowie die sozialen Beziehungen und stellt somit eine wesentliche Komponente unseres Menschseins dar. Das limbische System: Das limbische System besteht aus den am tiefsten liegenden Schichten des menschlichen Gehirns, es handelt sich dabei um ein „Gehirn im Gehirn“. Seine Organisation ist viel einfacher als die des Neocortex. Dies zeigt sich daran, dass die meisten Bereiche des limbischen Gehirns in unregelmäßigen Neuronenschichten angeordnet sind und die Nervenzellen miteinander verschmolzen sind. Die Informationsverarbeitung ist deshalb viel primitiver als die des Neocortex, dafür aber deutlich schneller und deshalb für elementare Überlebensreaktionen geeignet. Das limbische System bekommt fortwährend Informationen aus verschiedenen Körperbereichen und reagiert entsprechend, indem es das physiologische Gleichgewicht kontrolliert von Atmung, Herzrhythmus, Blutdruck, Appetit, Schlaf, Libido, Ausschüttung von Hormonen und sogar des Immunsystems. Emotionen: So gesehen sind unsere Emotionen nichts anderes als das bewusste Erleben eines großen Zusammenspiels physiologischer Reaktionen, die die Aktivität der einzelnen Körpersysteme überwachen und den inneren und äußeren Umständen anpassen. Das emotionale Gehirn kennt daher den Körper viel besser als das kognitive Gehirn und auf Grund dessen ist es oft leichter, über Körperwahrnehmungen auf das emotionale Gehirn einzuwirken als allein über die Sprache. Emotionale Intelligenz: Das Gleichgewicht zwischen Gefühl und Vernunft, bzw. die Harmonie zwischen Emotion und Kognition wird als emotionale Intelligenz bezeichnet. Ausgehend von der emotionalen Intelligenz wurde ein emotionaler Quotient (EQ) entwickelt, der anhand folgender Fähigkeiten gemessen wird: 1. Fähigkeit, seinen eigenen Gefühlszustand und den anderer zu erkennen 2. Fähigkeit, den natürlichen Ablauf von Gefühlen zu verstehen 3. Fähigkeit, über seine eigenen Gefühle und die anderer vernünftig nachzudenken und zu urteilen 4. Fähigkeit, mit seinen eigenen Gefühlen und denen anderer richtig umzugehen Das Herz Hirn System: Gerät das emotionale Gehirn aus den Fugen, leidet das Herz darunter und umgekehrt beeinflusst der Zustand unseres Herzens ständig unser Gehirn. Somit ist die Beziehung zwischen dem emotionalen Gehirn und dem „kleinen Gehirn“ des Herzens der Schlüssel zur emotionalen Intelligenz. Das halbautonome Neuronennetz des Herzens ist eng mit dem limbischen Gehirn verbunden und beide beeinflussen sich gegenseitig. Dabei spielen zwei Zweige des autonomen Nervensystems eine große Rolle: Der „sympathische Zweig“ schüttet das Hormon Adrenalin aus, beschleunigt den Herzschlag und aktiviert das emotionale Gehirn, der „parasympathische Zweig setzt den Neurotransmitter Acetylcholin frei und lässt das Herz langsamer schlagen. Dieses System wirkt wie Gas und Bremse und sollte, wenn möglich, im Gleichgewicht sein, was jedoch häufig nicht der Fall ist. Auch das Herz selbst produziert Hormone, wie Adrenalin, Noradrenalin und Oxytocin, die alle unmittelbar auf das Gehirn wirken, sowie das Atriopeptin, welches den Blutdruck regelt. Herzkohärenz: Zwei charakteristische Arten von Herzschlag-schwankungen können mit Hilfe von Pulswellen-Messungen und den Auswertungen durch Computerprogramme (Biofeedback) beschrieben werden: Chaos und Kohärenz. Wohlgefühl, Dankbarkeit, Mitgefühl oder Glücksgefühl führen zu regelmäßigen Pulsveränderungen, d.h. der Wechsel zwischen Beschleunigung und Bremsen des Herzschlages verläuft gleichmäßig. Dieser Zustand wird Kohärenz genannt. Bei Stresszuständen, Angst, Depression oder Ärger wird der Rhythmus des Pulses ungleichmäßig, bzw. chaotisch. Durch tägliches Herzkohärenztraining mit Hilfe von Biofeedback kann die Variabilität des Herzens gesteigert werden, bzw. die Körperphysiologie positiv beeinflusst werden. Studien zufolge wirkt sich die Kohärenz des Herzens auch unmittelbar auf die Leistung des Gehirns und seiner Funktionen aus. Das zeigt sich z.B. an schnelleren Reaktionen und besseren Leistungen unter Stress. Das Kohärenztraining führt bei regelmäßiger Anwendung zu innerer Ruhe, ist aber keine Methode der Entspannung. Sie ist eine Verhaltensweise, die sich in allen Situationen des Alltagslebens anwenden lässt und langfristig Angst und Depression kontrollieren kann, blutdrucksenkend sowie immunsystem-stimulierend wirken kann. Studien zur Herzkohärenz: An der Universität Stanford nahmen Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz an einer Herzkohärenzschulung teil. Die Symptome der Gruppe waren u. a. Atemnot, Müdigkeit, Ängste und Depressionen. Nach sechswöchiger Behandlung hatte das Stressniveau der Gruppe um 22 % , die Depression um 34 % abgenommen und der körperliche Zustand sich um 14% verbessert. Bei der Kontrollgruppe, die mit konventionellen Mitteln behandelt wurde, hatten sich alle genannten Indikatoren verschlechtert. Sowohl in London, als auch in den USA durchliefen viele Tausende von Angestellten großer Firmen Kohärenzschulungen. Die Nachuntersuchungen zeigten, dass das Training auf allen drei Ebenen wirkte: der körperlichen, der emotionalen und der sozialen. Nach vier Wochen war bei den Teilnehmern der Blutdruck auf Werte abgesunken, als hätten sie zehn Kilo an Gewicht verloren. Eine weitere Studie belegt, dass sich nach vierwöchigem Training je 30 Minuten täglich, der Spiegel des so genannten Jugendhormons (DHEA) um 100% erhöht hatte. Ständiges Herzklopfen verringerte sich binnen drei Monaten, körperliche Verspannungen sanken auf ein Minimum, Schlaflosigkeit, Gefühle von Erschöpfung und Schmerzzustände verringerten sich beträchtlich. Auch auf psychischer Ebene zeigten sich Veränderungen: die Angestellten gaben an, dass die Angst am Arbeitsplatz, Unzufriedenheit, sowie Wut und Ärger beträchtlich abnahmen. Das Training zur Herzkohärenz mit Biofeedback, welches im Folgenden beschrieben wird, kann das Funktionieren des Herz-Hirn-Systems verändern, bzw. beeinflussen und die Harmonie zwischen kognitivem und emotionalem Gehirn wieder herstellen. Die ASI Herzkohärenz Übung nach Sibylle und P. M. Aisenpreis Diese Übung in vier Phasen hat zum Ziel, sowohl den Blutdruck zu senken bzw. zu stabilisieren, als auch die respiratorische Sinus Arrhythmie zu vergrößern. Außerdem kann ein Entrainment Zustand, eine Synchronisation zwischen Atmung und Herzschlag hergestellt werden. Weiterhin besteht die Möglichkeit, dass die Kurven der Pulswellenver-änderung und somit die vegetative Herzregulation in harmonische Sinuskurven übergehen. Die Verände-rungen können mit dem Stressball Biofeedback- Gerät gemessen und direkt angezeigt werden. 1. Den Körper spüren u. fraktional entspannen Der Übende richtet seine Aufmerksamkeit nach innen und nimmt seinen Körper segmentweise wahr, entweder vom Kopf bis zu den Füßen oder von den Füssen bis zum Kopf. Jedes Körperteil, das er spürt, kann dadurch der Schwerkraft etwas mehr anvertraut werden, so dass der Körper in die Unterlage einsinken kann. Zum Schluss spürt der Übende den Körper als eine verbundene Einheit. 2. Das Herz belüften und entlasten Der Übende atmet in den Brustbereich, und stellt sich vor, dass beim Einatmen entweder von vorn, von hinten oder aus beiden Richtungen frischer Sauerstoff in sein Herz einströmt und der Herzbeutel, die Herzkranzgefäße und der Herzmuskel mit frischem Sauerstoff versorgt werden.Beim Ausatmen visualisiert der Übende, dass Spannung, Schlacke, Schwere, Stress, Angst und andere negative Gefühle sanft seine Herzregion verlassen können. Mit jedem Atemzug kann das Herz in der Vorstellung leichter, luftiger, lebendiger und vitaler werden. Wichtig hierbei ist, dass am Ende der Ausatmung eine kleine Pause erfolgt, so dass der Atem von selbst mit etwas Schwung wieder beginnt. 3. Sich an einen Zustand von Glück, Zartheit, Zärtlichkeit und Liebe erinnern Während der Übende den Körper entspannt und das Herz belüftet, erinnert er sich oder stellt sich einen Zustand von Glück, Zartheit, Zärtlichkeit und liebevollem Umgang mit sich selbst vor. Er beobachtet, wie sich dadurch seine Wahrnehmung des Brustraumes und es Herzens weiter verändert. 4. Obige Wahrnehmungen vom Herzbereich auf den ganzen Körper ausdehnen und geniessen Nachdem obige Schritte installiert wurden, stellt sich der Übende vor, dass sich die Wahrnehmung seines Herzens und seines Brustbereiches auf seinen ganzen Körper ausdehnen kann. Diese Ausdehnung kann sowohl in die Extremitäten fortschreiten, als auch im Kopf-, Rumpf- und Beckenbereich gespürt werden. III. Welche Rolle spielen Emotionen in Psychotherapie und Supervision Schematische Verarbeitung Die verschiedenartigen Komponenten der Emotion tragen jede auf ihre Weise zum emotionalen Erleben bei. Wie aber werden die Beiträge zu einem Ganzen zusammengefügt ? Verschiedene Autoren (Grawe, 1998; Greenberg, Rice & Elliott, 1993; Greenberg und Safran, 1987; Leventhal, 1984) gehen davon aus, dass die unterschiedlichen Informationsquellen durch eine schemageleitete Verarbeitung zum emotionalen Erleben integriert werden. Schemata sind mentale Strukturen, die zielgerichtet (bewusst oder automatisiert) unsere Wahrnehmungen, Erfahrungen und Antworten organisieren. Das Ziel bezieht sich auf Befriedigung von Bedürfnissen. Schemata ermöglichen eine raschere Bewertung der Umwelt, sie lenken unsere Aufmerksamkeit selektiv auf wichtige Aspekte der Umwelt und durch Prozesse der Generalisierung reduzieren sie die Komplexität der Stimuli und ermöglichen uns stabilere Objektbeziehungen zur Welt (Leventhal, 1984). In anderen Worten sind emotionale Schemata „emotionale Reaktionsbereitschaften“ (Greenberg, et al., 1993), welche mitunter Resultat von Lernerfahrungen sind, die auf schematischer Ebene repräsentiert werden. Schemata sind hierarchisch organisiert, abhängig von ihrer Spezifität und Generalität. Schemata, die beispielsweise spezifisch emotionale Erfahrungen im Alltag organisieren, werden auf einer höheren Ebene zu einem Selbstschema zusammengefasst. Individuelle Unterschiede der Affektintensität können unter dem Aspekt kognitiver Operationen angeschaut werden (Larsen, Cropanzano & Diener, 1987) oder auch auf der Ebene von emotionalen Reaktionsbereitschaften. Psychotherapie im Fokus emotionaler Veränderungen Viele Psychotherapieansätze versuchen auf die eine oder andere Art, die Emotionen der Patienten zu verändern. Das Arbeiten an den Emotionen der Patienten wird als „zentrale Heuristik“ (Ambühl, 1989) und als gemeinsamer Nenner verschiedener Therapierichtungen gesehen (Greenberg & Safran, 1987; Kemmler et al., 1991). Kognitive Therapien (Beck, 1976, Ellis, 1962) gehen davon aus, dass irrationale oder dysfunktionale kognitive Einstellungen dem emotionalen Leiden zugrunde liegen und dass Veränderungen der kognitiven Einstellungen dazu führen, dass sich andere Komponenten der Emotion – vor allem das subjektive Gefühl - verändern. Humanistisch orientierte Therapien (Greenberg & Safran, 1981) betonen die Wichtigkeit, dysfunktionale Wahrnehmungen der Patienten zu deaktivieren und zu modifizieren: Greenberg und Safran (1987) unterscheiden demnach zwischen primären und sekundären Emotionen. Primäre Emotionen sind „real“ und „authentic“, ein Ziel der Therapie ist es, mit diesen Gefühlen in Verbindung zu kommen. Sekundäre Gefühle sind gelernt und oft hinderlich für konkrete Problemlösungen, sie sind defensive Copingstrategien. Oft sind sie Antwort „to some underlying process“. Sie unterscheiden sich von primären dadurch, dass sie mehr gedacht als gefühlt werden. Der Prozess-Erfahrungsansatz (Greenberg et al., 1993) geht davon aus, das es sechs Prozesse in der Psychotherapie gibt, die die Emotionen verändern: 1. Anerkennen von emotionalen Erfahrungen (Acknowledging): Damit ist gemeint, dass Patienten mehr Einsicht in ihre primären Gefühle8 (Wut, Traurigkeit) gewinnen und deren Existenz akzeptieren lernen. In Anlehnung an Abelson (1963) geht es darum, kalte (rationale) Kognitionen zu warmen (lebendigeren und gefühlvolleren) Kognitionen zu ändern. Verbunden sind damit auch die Implikationen dieser Gefühle für Handlungstendenzen, die ebenso anerkannt werden müssen (Wut verlangt nach dem Ausdruck der Wut und nach einer entsprechenden Handlung). 2. Konstruktion von Bedeutung (Creation of meaning): Die neu erfahrenen Emotionen werden in einen neuen konzeptuellen Rahmen integriert. Dieser Prozess wird nicht intellektuell verstanden, es handelt sich um ein integrieren des „bodily felt sense“ (Gendlin, 1974). 3. Gefühlserregung (Arousing affect): Während therapeutischen Veränderungsprozessen können sehr intensive primäre Gefühle (emotionale Episoden) erlebt werden, die eine kognitive Neuorganisation begünstigen. 4. Verantwortung übernehmen (Taking responsibility): Dieser Prozess schliesst sich den vorherigen direkt an und bedeutet, den "Locus of control" von einer äusseren zu einer inneren Quelle zu verschieben und so die neu erlebten Gefühle als die eigenen zu erfahren. 5. Maladaptive emotionale Reaktionen ändern (Modifying maladaptive affective responses): Maladaptive emotionale Reaktionen können grosse Schwierigkeiten verursachen (zum Beispiel Agoraphobie oder Gefühle der Wertlosigkeit) und können am besten dann modifiziert werden, wenn sie in der Therapie aktualisiert werden. 6. Emotionaler Ausdruck in der therapeutischen Beziehung (Emotional expression in the therapeutic relationship): Wenn Patienten mit der andauernden therapeutischen Wertschätzung konfrontiert sind, werden schematische und konzeptuelle Neuorganisationen eingeleitet, in dem Sinne, dass negative Selbstschemata geändert werden. Im weiteren können Patienten lernen, dass ihr emotionaler Ausdruck nicht zu einem Abbruch der therapeutischen Beziehung führt (modifiziert übernommen aus Greenberg & Safran, 1987). Die Wirkung der Psychotherapie beruht nach Grawe (1998) zu einem wesentlichen Teil auf der Abschwächung motivationaler Vermeidungsschemata und auf der Förderung positiver intentionaler Schemata. Motivationale Vermeidungsschemata bilden sich um Ziele, die vermieden werden müssen. Annäherungen an Vermeidungsziele lösen negative Emotionen aus und verstärken psychische Aktivitäten im Dienste der Vermeidungsaktivitäten. Vermeidungsschemata sind an sich sehr wichtig, um realen Gefahren aus dem Wege zu gehen, doch können diese auch die Entwicklung intentionaler Schemata (und damit die Erfüllung von psychischen Grundbedürfnissen) behindern. Die Veränderung der Vermeidungsschemta geschieht in klärungsorientierten Therapien zum Beispiel im Sinne von Greenberg und Safran (1987) oder auch mittels des Explizierungsprozesses von Sachse (1992; siehe Kapitel 0), bewältigungsorientierte Therapien sind eher indiziert, wenn die Vermeidungsintentionen schon bewusst sind. Die beschriebenen Veränderungsprozesse können auch in der Perspektive der emotionalen Regulation betrachtet werden. Bradley (1990) geht davon aus, dass alle Therapierichtungen inklusive der Pharmakotherapie versuchen, emotionale Regulationsprozesse zu beeinflussen. Das vorgestellte therapeutische Veränderungsmodell von Greenberg und Safran (1987) beinhaltet Prozesse, die den emotionalen Regulationsprozess insofern verändern, als dass bisher vermiedene Emotionen evoziert und integriert werden. Dadurch entstehen neue emotionale Reaktionsmöglichkeiten, die eine bewusstere Anpassung an problematische Situationen ermöglichen. In anderen Worten, die Anerkennung von (negativen) Emotionen ermöglicht Patienten einen flexibleren und kompetenteren Umgang mit ihren Emotionen, weil ihr Funktionieren weniger von Vermeidungsschemata bestimmt wird. Greenberg/Safran: (Text von Markus Frauchiger) Bezogen auf die Anwendungswissenschaft Psychotherapie heisst das: 1. Traditionelle psychotherapeutische Sichtweisen von Emotionen: a) Psychoanalyse: Emotion wurde ursprünglich bei Freud als psychische Energie verstanden. Abreaktion, der unterdrückte Ausdruck und die Analyse von Abwehrmechanismen standen bei Wilhelm Reich im Mittelpunkt der Therapie. Neuere kathartische Ansätze (z.B. Janov) fördern sehr oft nur noch den reinen Gefühlsausdruck (Katharsis), leider ohne nachträgliche Analyse und Integration der Abwehrformen und deren Durchbrechung. Uebertragungsneurose und -deutung sowie die "korrigierende emotionale Erfahrung" wirkten gemäss Alexander/French (1946) heilend. Die Objektbeziehungstheorie (z.B. Kernberg 1988, Cashdan 1990, Sullivan 1980) sieht Emotion als motivationale Handlungstendenz an, welche den Organismus mit seiner Umwelt verbinden kann. Die darauf aufbauende Interpersonale Therapie fördert die Wahrnehmung eigener "interpersoneller Wünsche" und deren spontaner Ausdruck (z.B. Benjamin 1994). b) Verhaltenstherapie: Hier werden Emotionen eher als unerwünschte Nebenwirkung (z.B. Angst oder Depression) gesehen. Das Ziel ist denn auch die "Ent-Konditionierung" und Erreichung eines rationalen Umgangs mit diesen gelernten Reaktionen (z.B. Skinner 1953, Rachmann 1980). Beliebte Techniken sind die Reizkonfrontation oder die Systematische Desensibilisierung. c) Kognitive Therapie: Emotionen werden gesehen als "postkognitives Phänomen". Die Bedeutung/Bewertung eines Ereignisses bestimmt die emotionale Reaktion (Beck 1976, Ellis 1962). Automatische Gedanken oder "irrational beliefs" werden quasi wegrationalisiert und durch neue, funktionale Schemata (z.B. Grawe 1995) ersetzt. Es gibt innerhalb der kognitiven Psychologie aber auch eine Gegenposition, welche eine "primacy of affect" (Zajonc 1984) postuliert. Im Gegensatz zu Lazarus ("primacy of cognition" 1984), sehen diese Forscher Emotionen als ein von Kognitionen weitgehend unabhängiges System an (s.u.). d) Gesprächstherapie: "Experiencing" (Rogers 1959) als zentrales Konstrukt: "receive the impact of sensory and physiological events occuring in the moment" (Greenberg & Safran 1987). Affekte werden gesehen als ein Orientierungssystem, welches den Organismus mit wichtigen Informationen über sich und die Umwelt versorgt. e) Gestalttherapie: Emotionen sind direkte und unmittelbare (aber auch evaluative) Erfahrungen des Organismus/Umwelt-Feldes (vgl. auch Lewin 19??). Mittels dieser "experiences" entscheidet der Mensch über wichtig und unwichtig (Figur/Grund in der Gestaltpsychologie). Diese Gewissheit der Wahrnehmung ("awareness" bei Perls et al. 1951) wird unterbrochen, wenn Emotionen vor ihrem Eintritt ins Bewusstsein "abgeblockt" werden. Dementsprechend geht es oft darum, Gefühle überhaupt erst einmal wahrnehmen zu lernen, ihre subjektive Bedeutung (ihren "Sinn") zu erkennen und dann den geeigneten Ausdruck dafür zu finden (z.B. Polster/Polster 1973, Perls 1973). 2. Empirische Befunde: a) Emotionaler Ausdruck: Studien zu Katharsis (z.B. Bohart 1993, Green/Murray 1975) bestätigen die Wichtigkeit des Gefühlsausdrucks, wenn auch nicht als Allerheilmittel. b) Emotions-Konfrontation (Erregung): Emotionaler "Arousal" bewirkt meist eine Angstreduktion bei Angststörungen (vgl. Reizkonfrontation, "Flooding"), auch wenn deren Funktionsweise weitgehend unbekannt ist... c) Experiencing: Insbesondere in der Gesprächstherapie stellt sich diese Technik als sehr effektiv heraus (z.B. Orlinsky/Howard 1978, Klein et al. 1986), wenn auch nicht in jedem Fall und oft erst gegen Ende der Therapie (Rice/Greenberg 1984). Da die Befunde zu den genannten Einzelphänomenen nicht ausreichen um Emotionen für die Psychotherapie fruchtbar zu machen, entwerfen die Autoren ein Differentielles Modell mit der Hauptfragestellung: "What type of emotional processing problem in therapy can best be corrected by what kind of intervention? Emotionszentrierte Interventionen Greenberg und Safran plädieren für einen differentiellen Ansatz in der Psychotherapie, d.h. nicht jede Methode ist für jedes TherapeutIn/KlientIn-Paar geeignet. Mittels einem prozessual-diagnostischen Vorgehen (z.B. Rice/Greenberg 1984) kann die "beste" Technik ausgewählt werden. Die Autoren unterscheiden fünf Klassen von emotionalen Interventionen: a) synthesizing emotion: Erkennen und akzeptieren zuvor nicht integrierter oder abgewehrter Emotionen mit dem Ziel der erhöhten "awareness" (mittels Focusing oder Wahrnehmungsübungen). b) evocation of emotions: Intensivierung der empfundenen Zustände, zur Motivierung neuer Verhaltensweisen (mittels erlebnisaktivierender Methoden). c) emotional restructuring: Hervorrufen des "verdeckten" Netzwerkes problematischer Reaktionen um dieses neu zu strukturieren (mittels z.B. Verhaltensmodifikation). d) accessing state-dependent core beliefs: Wenn die aktuellen Erfahrungen genügend tief erlebt werden, ist es möglich, zustandsabhängige "hot cognitions" (automatische Gedanken) bewusst zu machen und ihre Bedeutung zu verstehen (kognitive oder psychoanalytische Methoden). e) modification: Falls ein maladaptives emotionales Muster gefunden wird, muss diese "negative Lerngeschichte" ("negatives emotionales Schema", Grawe 1995) modifiziert werden: Expositionstherapie, Kognitives Umstrukturieren, Ueben und verstärken von neuen Reaktionsmöglichkeiten. 4. Kategorien emotionaler Zustände und Reaktionsmuster a) biologically adaptive primary affective responses: Primäremotionen (s.o.), welche meist unbewusst ablaufenden Prozesse sind. Diese sind gemäss den Autoren immer adäquat und gesund, weil sie kognitiv unbeeinflusst ablaufen und unser biologisches Fundament bilden (s.o.), also nicht gelernt werden müssen. Mittels erlebnisaktivierender Methoden können solche Grundemotionen hervorgerufen werden, falls sie "verschüttet" wurden. b) "secondary" reactive emotional responses: Diese Gruppe von Emotionen entspricht nicht mehr der organismischen, weil dysfunktional gewordenen, Reaktion (z.B. Ausdruck von Wut, wenn eigentlich Angst gefühlt wird). Sie müssen wennmöglich "umschifft" oder aber die dahinterliegende primäre Emotion aufgedeckt werden. c) instrumental emotional responses: Dies sind manipulativ eingesetzte Emotionen, welche erkannt und konfrontiert werden müssen. Ihr Zweck und ihre subjektive Bedeutung muss interpretiert werden und wenn möglich durch direkte, primäre Emotionalität ersetzt werden (z.B. mittels "hot seat"). d) learned maladaptive primary responses to the environment: Traumatische Ereignisse können Primäremotionen leider manchmal beeinflussen. Solche (frühkindlichen) Reaktionsmuster sind sehr schwer therapierbar (siehe aber Ansätze zur PTSD-Behandlung sowie die Therapie "früher Störungen", z.B. Kernberg 1988). Es ist unschwer zu erkennen, dass es darum geht, wenn immer möglich, die natürliche, organismische, primäre Emotion wahrzunehmen (awareness) und dann ihren Ausdruck zu finden und zu fördern. Kognitive Arbeit ist dann zusätzlich nötig, wenn dieser Zugang nicht gelingt, weil er durch Zustände in der Form b), c) oder d) quasi versperrt ist. 5. Emotionstherapie nach Greenberg et al 1993 Wenn die Indikation zu einem emotionszentrierten Vorgehen gegeben ist, stellen sich die Autoren in etwa den folgenden konkreten Ablauf vor. Dieser basiert auf einer "Destillation" essentieller Interventionen aus den folgenden humanistischen Therapieformen: Focusing (Gendlin 1981), Gestalttherapie (Perls et al. 1951, Polster/Polster 1973) und Gesprächstherapie (Rogers 1959): a) directing attention to inner experience: Fokussieren und beibehalten (ev. direktiv) der Aufmerksamkeit auf dem inneren Erleben. Wirkt vertiefend und Bedeutungs-fördernd. b) refocusing on inner experience: Wiederfinden der "inneren Spur", wenn der Kontakt zur körperlich wahrgenommenen Erfahrung verlorengeht (Gendlin 1981). c) encouraging present centeredness: a) und b) ermöglichen ein zunehmendes Fokussieren "to what is occuring internally right now" (sensu Perls), auch wenn es sich z.B. um eine Erinnerung handelt. "Its present liveliness is of greatest importance" (Greenberg/Safran 1989). d) analyzing expression: Beobachtungen der meist nonverbalen Signale (Mimik, Gestik, Seufzer etc.) mit dem Ziel, den affektiven Status zu erkennen. Gerade Menschen mit einem schlechten Kontakt zu sich selbst, können so zu ihren scheinbar nicht gefühlten Gefühlen gefürt werden. e) intensifying experience: "Nachhelfen" durch Agieren lassen von Emotionen (durch physische Aktivität wie schlagen, schreien o.ä.) . Die so ausgedrückte Emotion wird lebendiger und klarer erkennbar in ihrer subjektiven Bedeutung. Dieses Vorgehen sollte aber nur von erfahrenen TherapeutInnen gewählt werden. f) symbolizing experience: Erschaffen neuer Bedeutungen, indem zunehmend auf konkreter Erfahrung aufgebaut wird, anstelle von "Glaubenssätzen". g) establishing intents: Hier geht es um die konkreten Möglichkeiten, welche zur Erfüllung der emotionalen Wünsche und Ziele zur Verfügung stehen: "The establishement of intentions forms the bridge between subjective experience and action in the world". IV. Integration von kognitiven und physiologischen Theorien - ein Versuch Welche Konsequenzen können wir folgern aus den vorangegangenen Erkenntnissen aus psychologischer und neurowissenschaftlicher Forschung ? Etwas vereinfachend können wir sagen, dass die kognitiven Theorien aus der Psychologie sich mit der kortikalen Verarbeitung von Emotionen befassen (Bewertung, Bewusstmachung etc.) und die physiologischen Theorien die subkortikalen, also die limbischen und die Stammhirn-Strukturen oder peripheren Komponenten (unbewusst, automatisch, unwillkürlich) von Emotionen erklären. Es leuchtet also ein, dass erst die Integration beider Erkenntniswege die Entstehung und Aufrechterhaltung von Emotionen genügend beschreiben. Insofern gibt es auch erstaunlich wenig Widersprüchliches beim Vergleich der Erkenntnisse. Die Ergebnisse ergänzen sich vielmehr und bedingen einander. Dies kommt uns in der Anwendung (Kapitel V) zugute. Die integrierende Funktion der Emotionen oder: Eine ganzheitliche Theorie der Gefühle oder: "Trinity", die Dreifaltigkeit, die Dreieinigkeit von Körper, Seele und Geist: Emotion/Gefühl/Seele Mensch = Soma/Körper - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Kognition/Denken/Mentales/Geist = Körper-Seele-Geist-Wesen in Zeit und Raum Die gestrichelte Linie bedeutet für meine Person: Verbindung zwischen Soma und Kognition ist zwar möglich, aber nicht selbstverständlich, muss also immer wieder neu erarbeitet bzw. erspürt werden. Der Schlüssel dazu sind (für mich jedenfalls) die Gefühle als dritte Instanz, welche vermitteln können zwischen sozusagen Himmel (Geist) und Erde (Körper). Dazu ist ab und zu ein konkret-physisches Gegenüber lebensnotwendig, weil ich sonst zerfallen würde in die beiden Teile a) leere, leblose Körperhülle und b) körperloses, abgehobenes Geistwesen. Danach kann ich gut ein, zwei Wochen ganz alleine und für mich sein (so wie diese Woche), weil die Gefühlsdimension dann anhält, aber eben auch wieder erneuert werden muss, weil sonst ein nicht vollständiges, seelenloses Wesen entstünde, das zombieähnlich wandeln würde auf dieser Erde und nur schwer inkarnieren (= in carne = in den Körper kommen, den Körper beseelen; hat mit Reinkarnation also erstmal nichts zu tun) würde. Anders ausgedrückt (etwas pathetisch zwar aber dennoch stimmig, wie ich finde): Der Mensch wird zum Menschen durch den Mitmenschen. Ich benutze bewusst immer wieder verschiedene Worte für ein- und dasselbe, um die Universalität aufzuzeigen: es sind verschiedene verbale und historische Traditionen/Philosophien/Wissenschaften dahinter, diese treffen sich in diesem Modell meines Erachtens sehr schön und friedlich, obwohl sie oft für inkompatibel zueinander erachtet werden, was m.E. gar nicht stimmt, wenn Uebersetzungsarbeit geleistet wird: die theologisch-spirituelle Sichtweise und die psychologisch-emotionale, welche ja oft genug unversöhnlich nebeneinanderstehen; das Weltliche und das Sakrale, die Psychologie und die Esoterik, das männliche und das weibliche, Plus und Minus, Heiss und Kalt etc. etc., die Liste liesse sich beliebig weiterführen. Es sind immer wieder zwei gegensätzliche, unterschiedliche Sichtweisen, welche hier integriert zueinanderfinden. Dieses Ineinanderführen von verschiedenen Denkrichtungen ist mir seit vielen Jahren ein sehr grosses professionelles und wissenschaftliches Anliegen und eigentlicher Hauptbestandteil meiner Arbeit mit Menschen: Dialog ermöglichen über scheinbare Barrieren (kulturelle, sprachliche, weltanschauliche, geschlechtsspezifische, familiäre, professionelle etc.) hinweg. Und so finden auch wir beide immer wieder zueinander, wenn wir uns einlassen auf diesen Prozess des Aufdröselns, Analysierens, Erlebens und Nachspürens, bis alle (drei) Ebenen integriert werden und dann auch Irritationen, welche entstehen durch eine Einseitigkeit der einen oder anderen Dimension, wegfallen, weil die Ganzheit wahrgenommen wird, durch ein stimmiges Gefühl, durch schlüssiges Denken und ein körperliches Wohlgefühl. Zwischendurch kann es auch ganz schön sein, eine gewisse Einseitigkeit zu leben, z.B. in der körperlichen Extase wo Gefühl und Denken zurücktreten (Sexualität), im gefühligen Dusel der gleichgeschalteten Masse (wie beim Papst-Event) wo Denken und Körper zurücktreten oder dann in der angeregten Diskussion (wie eben gestern am Telefon), wo Körper und Gefühl zugunsten des Geistes temporär zurücktreten, temporär ist dabei eben sehr wichtig. Wichtig erscheint mir, dass nach solchen Zuständen (zeitlich und örtlich versetzt), die beiden jeweils im Hintergrund sich befindenden Dimensionen wieder ihren Platz bekommen, weil erst dann die Begegnung eine wirklich Ganzheitliche wird, ohne das Vorhergehende abzuwerten. Die Zeitdimension und die örtliche Komponente sind weitere Ebenen, welche zur Ganzheitlichkeit beitragen: es braucht also immer wieder viel freie Zeit und immer wieder geeignete Orte, damit diese feinen Prozesse sich entfalten können; mitten im Alltag der Grossstadt ist dies viel schwieriger als in der Ruhe der von Alltagspflichten befreiten Abgeschiedenheit der Retraite, wie ich sie hier im Glarnerland vorfinde; in dieser äusseren Ruhe kommt auch die innere Ruhe hervor und die drei Wesensdimensionen des Menschen finden wieder zueinander und führen zu Frieden, Zuversicht und Mitmenschlichkeit. Diese Gedanken und Gefühle und Körpersensationen wie ich sie oben im Modell darstelle, bilden im Moment eine für mich stimmige Gesamtschau der in den letzten Tagen erlebeten Phänomene und lassen mich zufrieden meine Pflichten angehen die auch anstehen diese Woche. Ich kann jetzt loslassen in dem guten Gefühl, dass es uns auch in Zukunft immer wieder gelingen wird, zueinander zu finden über die entstandenen Irritationen hinweg, weil ich die Bereitschaft zum prozesshaften, dynamischen und angstfreien Erleben-Wollen bei uns beiden spüre und das ist das wichtigste: nicht die jederzeitige Perfektion, sondern das auf dem Weg sein, jeden Tag, so unvollständig es sich zunächst anfühlen mag, im ganzheitlichen Wissen darum, dass dieser Weg selber schon das Ziel ist. Ein Schritt weiter ("jetzt wird's konkret") oder: Die Y-Theorie des Handelns (ein "Eigengewächs") Physiologie (egoistisch) Kognition (trennend) - - - - - - - - Emotion (integrierend), erzeugt über beide "Wege" (vgl. ZweikomponentenTheorien) Handeln (flexibel) Literatur: Benjamin, LS (1994). Interpersonal Diagnosis and Treatment of DSM Personality Disorders. New York: Guilford. Bösel, Rainer (2000). Neuropsychologische Grundlagen der Emotion. In: Otto, Jürgen H. et al. (2000, Hrsg.). 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