Markus Frauchiger, lic.phil.
Fachpsychologe für Psychotherapie FSP

Falkenweg 8
3012 Bern
Tel.: 031 302 00 30

e-mail:
markus.frauchiger@bluewin.ch

Psychoanalyse, Psychotherapie, Bern, Depression, Burnout, Phobien, Angst, Probleme, Sexualtherapie, Sexualberatung, Aggression, Verhalten, Erleben

Materialien zum neuen Buch von Markus Frauchiger (2012)

Dialektische, tiefenpsychologisch fundierte Therapie

Markus Frauchiger, lic.phil., Fachpsychologe für Psychotherapie FSP, CH-3012 Bern

Veröffentlichung und Reproduktion nur auf Anfrage beim Autor möglich - dies ist ein vorläufiges Arbeitspapier, welches kontinuierlich erweitert wird.

Von der Theorie zur Praxis - von den Konzepten zur Anwendung

Vorsicht: Rohfassung in einem frühen Entstehungsstadium ...

Eine auf Ausgleich und Integration der Extreme ausgerichtete Psychotherapie, will heissen: das gesunde Mass finden, egal in welchem Lebensbereich ist ein Hauptziel jeder Behandlung, egal welche Symptome jemand präsentiert.
Zweites und fast noch wichtigeres Merkmal ist die Beziehung zwischen TherapeutIn und KlientIn. Auch hier ist immer wieder ein Mass zu finden zwischen Nähe und Distanz, zwischen Intensität und Entspannung. Besonders betonen möchte ich, dass die Extreme sehr wohl vorkommen sollen zu einem bestimmten Zeitpunkt; über viele Sitzungen hinweg hingegen sollte sich ein gesundes Klima einer mittleren Aufmerksamkeit, einer Ausgewogenheit zwischen z.B. Konfrontation und Entstehen-lassen Raum greifen.

Ein Zitat als zusammenfassende Vorbemerkung:
"Derzeit verzetteln wir uns in einer reizüberfluteten Konsumsphäre, die unsere knappsten Ressourcen aufzehrt, nämlich Zeit und Aufmerksamkeit.
Durch den Abwurf von Wohlstandsballast können wir uns auf das Wesentliche konzentrieren, statt im Hamsterrad der käuflichen Selbstverwirklichung zusehends Schwindelanfälle zu bekommen.
Wenige Dinge intensiver zu nutzen und zu diesem Zweck bestimmte Dinge einfach souverän zu ignorieren, bedeutet weniger Stress und damit Glück."
Niko Paech in der Zeitschrift "Zeitpunkt" 112


Aufgrund einiger Anfragen von interessierten KollegInnen, v.a. aber wegen vieler (An-)Fragen von KlientInnen, bin ich zum Schluss gekommen, einen Versuch zu wagen, das Mysterium Psychotherapie zu beschreiben und damit zu zeigen, dass es sich weder um Magie noch um Hypnose, sondern um rationale und nachvollziehbare, letztlich sogar naturwissenschaftliche (weil der biologische Körper Grundlage allen (psychischen) Lebens ist und bleibt) Vorgehensweisen handelt, welche die Wirksamkeit und Faszination der Psychotherapie ausmachen.

Die Dynamisch Integrative (Psycho-)Therapie D.I.T. hat sich seit 1997 sukzessive aus der Gestalttherapie nach Fritz Perls, der Integrativen Therapie nach Hilarion Petzold und der Psychoanalyse nach Sigmund Freud heraus entwickelt.
Die Freudsche Psychoanalyse dient dabei als theoretischer Hintergrund, die beiden anderen Verfahren erweisen sich als v.a. für die Praxis sehr relevant.

Inhaltsverzeichnis:

1. Dynamisch Integrative Therapie - D.I.T.

2. Gesellschaft: Narzisstisches Wetteifern in allen Lebensbereichen
  • - Oekonomie der Aufmerksamkeit

    3. Individuum: Das Ich als Vermittler zwischen Triebwünschen und Zivilisationsansprüchen

    4. Therapie im Kontext: Psychoanalyse als Grundlagenwissenschaft

    5. Korrigierende Erfahrungen: Humanismus und moderne Psychodynamik

    6. Entwicklung und Integration

    7. Decroissance und Konsumkritik: Small is Beautiful, Downsizing - Mässigung, Balance, Toleranz
  • - Kapitalismus- und Medienkritik

    8. Homöostase und Dialektik - Grundprinzipien der Polarität und des Ausgleichs

    9. Wirkfaktoren gelingender Psychotherapie im Kontext des Zeitalter des Narzissmus

    - Literatur


    1. Dynamisch Integrative Therapie - D.I.T.

    Die Humanistisch-tiefenpsychologische Grundhaltung

    - Selbstbemächtigung des Subjekts: Empowerment

    In meiner langjährigen therapeutischen Arbeit entwickelte ich immer mehr eine Kombination aus Gesprächs-/Gestalttherapie (z.B. Offenheit, Transprenz) und Psychoanalyse (z.B. Arbeit mit Widerstand, Narzissmuskonzept, Gegen-/Uebertragung), sodass ich heute eine auf jeden einzelnen Klienten abgestimmte Arbeitsweise anbieten kann, die sich aus ebendiesen Quellen nährt.

    Konkret bedeutet dies, dass ich beim einen Patienten streng und konsequent bin als Grundhaltung und beim anderen Menschen gewährend und tolerant in meinem Kommunikationsverhalten und Beziehungsstil.

    Schematisch kann man sich die Kombination der Psychotherapie-Richtungen etwa so vorstellen:
    - Grundhaltung der Gesprächsttherapie nach Carl Rogers: Transparenz, Offenheit, ....
    - Analysetechniken der Psychoanalyse nach Sigmund Freud und vielen anderen
    - Umsetzung der Erkenntnisse mithilfe der Gestaltherapie (Perls) und Kognitive Verhatenstherapie (z.B. Klaus Grawe)

    Die gesellschaftskritische, kulturpessimistische, kapitalismuskritische und politische Position
    vgl. ausführlich Kapitel 2 und 7.

    Menschenbild: Der Mensch ist ein Natur-Kultur-Mischwesen. Aus diesem Grund steht er in dauernden inneren und äusseren Widersprüchen die niemals aufgelöst werden können, sondern als ewige Polarität in uns sich spürbar und nach Ausdruck drängend sich zeigen.
    Dabei ist es wichtig, dass es nicht um eine dauernde Kompromissbildung geht, sondern um ein serielles Fokussieren auf die eine oder die andere Seite. Es geht eher um eine schärfere Wahrnehmung der Grundqualitäten in ihrer reinen Form als um eine Integration derselben. Also dialektisch statt nur integrativ. Alles zu seiner Zeit: mal ist der Körper im Fokus, mal das Denken, mal das Fühlen.

    Dieses Zusammenspiel zweier Gegensätze findet sich in den verschiedensten Lebensbereichen wieder:
    NATUR – KULTUR
    Naturwissenschaft – Geisteswissenschaft
    Körper – Geist (Seele dazwischen)
    Kognition – Emotion (Körper dazwischen)
    Stammhirn – Kortex (Limbisch dazwischen, vermittelnd)
    hell - dunkel
    SVP – SP/Grüne an den Polen (FDP/CVP/BDP/GLP dazwischen)


    Im Kapitel 8 gehe ich ausführlicher auf das Dialektische Grundprinzip ein.

    Historische Wurzeln und Quellen:

    Um diese an sich einfachen Fragen beantworten zu können, muss ich (leider) sowohl historisch wie theoretisch weit ausholen:
    Dreh- und Angelpunkt bilden dabei folgende drei aufeinander aufbauende, bahnbrechende Entdeckungen:
    • Heliozentrisches Weltbild (Kopernikus u.a., 16. Jahrhundert)

    • Evolutionstheorie (Charles Darwin, 19. Jahrhundert)

    • Psychoanalyse (Sigmund Freud, 20. Jahrhundert)

    . . . . .

    Sigmund FREUD hat die Psychoanalyse als die dritte grosse Zumutung für das menschliche Selbstbewusstsein angesehen: durch Darwin in der Frage der Abstammung, durch Kopernikus in der Frage nach der Stellung im All desillusioniert, wurden durch die Entdeckung des Unbewussten (Freud) das menschliche Bewusstsein und die Souveränität des Ichs entthront.

    Die Psychoanalyse reiht sich ein in die grossen Denkansätze des 20. Jahrhunderts, welche die jenseits der eigenen menschlichen Intention liegenden Bedingungen und Ordnungen des menschlichen Lebens herausarbeiten: seien es nun die vorsubjektiven Strukturen im Strukturalismus (Claude Lévi-Strauss, Roland Barthes, Paul Ricoeur, Anthony Giddens), die vor aller Reflexion liegenden Weisen des In-der-Welt-seins in der Existenzialphilosophie (z.B. Jean-Paul Sartre, Albert Camus), die gesellschaftlichen Diskurse, die sich in das Denken des Individuums einschreiben, in der Diskursanalyse (v.a. Michel Foucault), oder den Vorrang des Gesprächs vor dem individuellen Denken in der Hermeneutik (Dilthey, Heidegger, Gadamer u.a.).

    . . . . . .

    Die Psychoanalyse untersucht unbewusste Motivationen, wie sie sich je eigenwillig zusammensetzen aus den natürlichen, d.h. biologischen, Anlagen, insbesondere der Triebnatur, den (Un-)Verfügbarkeiten frühester Lebenserfahrungen und den auf beide antwortenden Phantasiebildungen (Neurosen, aber auch Träume).

    Die Psychoanalyse nimmt in den Kapiteln 4 und 5 sehr breiten Raum ein. Vorher, d.h. in Kapitel 2 möchte ich den gesellschaftlichen Kontext beleuchten, in dem unser aller tägliche Arbeit vonstatten geht.

    Zwischenbemerkungen:

    Sozialisiert durch die harte, sprich: nur durch quantitative Statistik erhärtete Fakten anerkennende, Schule des leider früh verstorbenen "Star-Psychologen" Prof. Klaus Grawe hat es einige Jahre gedauert, bis ich mich über Umwege (Gestalttherapie, Integrative Therapie) wieder meinen eigenen psychologischen Wurzeln zuzuwenden vermochte: Die Psychoanalyse nach Sigmund Freud und seinen Nachfolgern.

    Ich habe selber im Rahmen der für angehende Psychotherapeuten gesetzlich vorgeschriebenen Selbsterfahrung einige Therapieverfahren an eigener Haut erfahren dürfen. Die psychoanalytische Psychotherapie hat mir dabei mit Abstand am meisten gebracht; sowohl an Einsichten als auch an konkreten Hilfen für den privaten wie auch beruflichen Alltag. Ich finde es deshalb sehr zynisch, wenn u.a. VerhaltenstherapeutInnen zwar selber zu einem Psychoanalytiker sowohl in Eigentherapie als auch in Supervision gehen, dann aber dieses Verfahren (quasi die Königsdiziplin !) dann nicht ihren KlientInnen zukommen lassen, sondern da dann nur eine Art von kurzer und oberflächlicher Psycho-Technologie, meist kognitive Verhaltenstherapie, Hypnose o.ä., anwenden.
    Hier herrscht eine ungute und m.E. skandalöse Zweiklassen-Psychotherapie: Psychoanalyse für Reiche und Intellektuelle der Oberschicht einerseits sowie (kognitive) Verhaltenstherapie kombiniert mit Medikamenten für die weniger privilegierten Menschen in unserer Gesellschaft.

    Mein Fokus liegt deshalb bei dem Versuch, das Wertvolle der Langzeittherapieform Psychoanalyse beizubehalten und gleichzeitig die Anzahl Sitzungen so zu reduzieren, dass Tiefenpsychologie noch immer "funktioniert" (inkl. Uebertragung, Gegenübertragung und Widerstand!, s.u.) und zu einer handhabbaren (höchstens eine Sitzung pro Woche), rationalen (alle Phänomene werden dem Klienten transparent gemacht) und bezahlbaren (weil höchstens 30 Sitzungen nötig) Behandlungsform wird.
    Somit steht die "tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie" (so nennt sich diese Art der mittlerweile recht verbreiteten Kurzzeit-Psychoanalyse) auch KassenpatientInnen zur Verfügung. Ich habe festgestellt, dass die Langform der Therapie sich auch bei Privatzahlern (welche bereit wären über Jahre hinweg zweimal die Woche zu kommen) gar nicht besser bewährt als die eben skizzierte Kurzform (hierzu gibt es eine Menge Forschungsresultate, z.B. Grawe et al. 19xx, Frauchiger 1997).

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    2. Gesellschaft: Narzisstisches Wetteifern in allen Lebensbereichen

    - Ueber das Zusammenwirken von Gesellschaft und Individuum (v.a. Christopher Lasch, Georg Franck, Martin Altmeyer)

    NARZISSMUS: primär und sekundär

    Ueber das Zusammenwirken von Gesellschaft und Individuum
    Wir leben in einer Zeit zunehmender seelischer Orientierungslosigkeit auf der einen Seite und zunehmendem materiellem Ueberfluss auf der anderen Seite. Die Werbung ist längst dazu übergegangen uns künstliche (weil wir biologisch gesehen längst gesättigt sind) Bedürfnisse einzureden und diese zur Schau zu stellen, sodass wir hier im Westen zunehmend einem vermeintlich materiellen Glück nachrennen, ohne zu merken, dass wir dadurch lediglich die grossen Konzerne und deren Aktionäre befriedigen, nicht aber unsere ureigenen meist nicht-materiellen Wünsche erfüllen.
    Klimawandel und Weltwirtschaftskrisen verlagern das Bewusstsein auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben, und das sind andere, als uns die Werbung mit ihren geschickten Manipulationen einzureden versucht.

    Die Wirtschaftseliten sind aber schlau genug uns immer wieder zu überzeugen, dass der materielle (sprich: kapitalistische) Weg schon der richtige sei, unsere ungestillte Sehnsucht nur daher rührt, dass wir noch nicht genug konsumiert hätten - und so dreht sich die Spirale des Wirtschafts-Wachstums immer weiter bis uns eines Tages der Planet abschütteln wird, weil er durchaus auch ohne uns überzüchtete Menschen-Tiere kann. Dann übernehmen vielleicht irgendwelche Kakerlaken oder andere resistente und genügsame Lebewesen das Kommando auf diesem Planeten. Was klingt wie aus einem Horror-Roman, erscheint seit Tschernobyl und Fukushima bedrohlich nahe an unsere Lebenswirklichkeit herangerückt, selbst in der beschaulichen Schweiz.

    Hat ja alles gar nichts mit Psychologie und schon gar nicht mit Psychotherapie zu tun, werden Sie sagen. Stimmt nicht ganz, denn die Zusammenhänge zwischen dem Weltgeschehen und uns selbst bzw. unseren Familien sind viel grösser als wir oft glauben. Es hat sich in meiner tagtäglichen psychotherapeutischen Arbeit mit den verschiedensten Menschen aus den verschiedensten kulturellen Hintergründen (inkl. Indien, China, Japan, Brasilien, USA, Australien, Skandinavien, Deutschland etc.) als sehr hifreich erwiesen, wenn solche politischen und historischen Fakten miteinbezogen werden in eine individuelle Therapie; denn der Mensch lebt nicht im luftleeren Raum, sondern immer eingebettet in eine soziale (das ist bekannt und etabliert in der "Psycho-Szene") und eben auch in eine politische, kulturelle und historische Wirklichkeit, was unter Psychotherapeuten weniger en Vogue zu sein scheint...

    Warum postuliere ich (zusammen mit vielen anderen, u.a. Christopher Lasch, Martin Altmeyer, Georg Franck) nun aber ein Zeitalter des Narzissmus ?
    Wie ich unten weiter ausführen werde, ist der bewusste Mensch (sog. "ICH") quasi eingeklemmt zwischen den triebhaften, eruptiven Wünschen des Natürlichen (sog. "ES") und den durch die Gesellschaftlichen und Kulturellen Anforderungen, welche sich im sog. Ueber-Ich angesammelt haben. Das ICH ist nicht Herr im eigenen Haus wie Sigmund Freud bemerkte und so lavieren wir dauernd hin und her zwischen den oft unvereinbaren Strebungen von unten (ES) und von oben (Ueber-ICH).
    Was uns Menschen nun aber speziell auszeichnet und von fast allen anderen Tieren unterscheidet, ist gerade die Fähigkeit, uns von den Triebkräften der Natur zu emanzipieren und so zu einer menschenwürdigen Zivilisation zu gelangen. Diese an sich positive und wichtige Entwicklung der letzten paar Hundert Jahren zeigt in letzter Zeit mehr und mehr ihre Kehrseite; nämlich eine zunehmende Entkopplung der beiden Bereiche Natur bzw. Kultur, sodass sich der Mensch zunehmend entfernt von seinem Eingebettetsein in eine "Balance of Powers", sprich: Ueber-Ich-Kräfte entkoppeln sich von ES-Kräfte. Wenn dies geschieht, ensteht der sog. sekundäre Narzissmus (Definitionen weiter unten), d.h. eine Entfremdung des Menschen von sich selbst, ein künstliches Wesen entsteht, welches entkoppelt von seinen natürlichen Beschränkungen sich als allmächtig erlebt. Dieses "Everything goes" hat zunehmend Einzug gehalten in der westlichen Kultur und stellt uns heute vor so grosse Probleme wie entfesselte Marktwirtschaft (Stichwort: Wirtschaftskrise, "too big to fail"-Problematik etc.) und den Klimawandel und die Energiekrise (Fukushima zeigt uns definitiv Grenzen auf).
    Spannend ist nun, dass individuelles und kollektives Geschehen psychologisch gesehen den gleichen Mechanismen folgt: Das Gleichgewicht der Kräfte ist auf beiden Ebenen störungsanfällig: man kann sagen, dass in einer Demokratie die Wirtschaft das ES repräsentiert und die Politik das Ueber-Ich. D.h. die Politik sollte die Wirtschaft in Schach halten, indem Regeln einesetzt werden, damit der Bürger (das ICH) in der Mitte der beiden Pole (links die Staatsfreunde, rechts die Wirtschaftsfreunde, eine weitere Parallele...) ein ausgeglichenes und gesundes Leben führen kann, ohne alles überblicken und selber einschätzen zu müssen. (...)

    Christopher Lasch hat im Buch "Das Zeitalter des Narzissmus" die heutige Entwicklung bereits in den 70er Jahren beschrieben und kommen sehen:
    "Das vorliegende Buch beschreibt (...) einen niedergehenden Lebensstil - die Kultur des vom Konkurrenzdenken geprägten Individualismus, die in ihrem Niedergang die Logik des Individualismus ins Extrem eines Krieges aller gegen alle getrieben und das Streben nach Glück in die Sackgasse einer narzißtischen Selbstbeschäftigung abgedrängt hat. Die narzißtischen Überlebensstrategien geben sich als Emanzipation von den repressiven Lebensbedingungen der Vergangenheit aus und verhelfen so einer »Kulturrevolution« zur Entstehung, die die schlimmsten Eigenschaften eben der zerfallenden Kultur reproduziert, die sie zu kritisieren vorgibt." (Christopher Lasch (1979!). Das Zeitalter des Narzissmus, S.14)

    Hier eine "moderne" Narzissmus-Definition:
    "Traditionell wird unter Narzissmus Selbstliebe und Ich-Bezogenheit verstanden. Dieser Lesart eines zentralen psychoanalytischen - und inzwischen auch umgangssprachlichen - Begriffs setzt Martin Altmeyer eine intersubjektive Definition entgegen. Der Narzissmus thematisiert das Grundbedürfnis, von anderen Menschen gesehen, beachtet, anerkannt und geliebt zu werden. Der Narzissmus ist gerade nicht die einsame Selbstbespiegelung. Im Spiegel der Umwelt bildet sich das Selbst. Wir wissen, dass der primäre Narzissmus des Säuglings auf die Haltefunktion der Mutter und das Lächeln in ihrem Blick angewiesen ist. Wir erleben, dass das narzisstische Kind Aufmerksamkeit und Bewunderung sucht. Wir sehen, dass die Selbstinszenierung des Medienstars den Beifall des Publikums braucht. Und wir ahnen, dass auch die narzisstische Störung einen stillen oder lärmenden, aber immer verzweifelten Kampf um intersubjektive Anerkennung bedeutet." (Martin Altmeyer (2000). Narzissmus und Objekt)

    In Kapitel 4 werden die Narzissmus-Theorien in chronologischer Reihenfolge definiert und erläutert.

    Hier das m.E. wichtigste Zitat zum Zusammenhang äusserer Wirklichkeit und subjektiver Realität:
    "Den Königsweg der Sachen und Zeichen ins subjektive Erleben stellt das Versprechen dar, dass ihr Konsum die Person unwiderstehlich macht. Es versteht sich, dass in einer Gesellschaft, in der das Einkommen an Aufmerksamkeit in den Vordergrund rückt, der Konsum im Sog der Selbstwertschätzung steht. Konsum im Sog der Selbstwertschätzung bedeutet, dass das Konsumieren zur Arbeit an der Attraktivität der Person wird. Diese Arbeit eröffnet der Werbung (...) die Rolle einer Lebensberatung in Sachen Attraktivität. (...). Der Kult um die Attraktivität der eigenen Person ist das, was der Sozialpsychologe Christopher LASCH als die Kultur des Narzissmus beschreibt." (Georg Franck (2003). Mentaler Kapitalismus)

    Oekonomie der Aufmerksamkeit - (Georg Franck 2000)

    "(...) Nur auf mangelnde Aufmerksamkeit reagieren wir empfindlich. Wir halten es einfach nicht aus, keine Rolle im Seelenleben anderer zu spielen. Die Menschenseele fängt schon an zu leiden, wenn sie keine erste Rolle in einer anderen spielt. Und sie nimmt bleibenden Schaden, wenn sie kein Mindesteinkommen an Zuwendung bezieht. Der Entzug kann sogar tödlich sein. Kinder sterben an mangelnder Zuwendung, Erwachsene erleben die Isolation als Folter. Die Seele bedarf der Zuwendung ihresgleichen wie der Leib seiner körpereigenen Morphine.
    So ist denn auch kein Kult über Zeiten und Völker so verbreitet wie der um die Attraktivität der eigenen Person. Nichts und niemandem huldigen die Menschen mit solcher Hingabe wie ihrer Anziehungskraft auf fremde Aufmerksamkeit. Alles Predigen wider die Gefallsucht, alles Wettern gegen die Eitelkeit blieb vergebens. Die Eitelkeit hat all die höheren Werte, in deren Namen sie verdammt wurde, glänzend überlebt. Aufklärung und Modernisierung haben ihr nur gutgetan. Die Säkularisierung hat sie befreit, statt untergraben. Je weiter Brauchtum und Religion zerfallen, um so unverhohlener rückt der gesellschaftliche Ehrgeiz ins Zentrum der Lebensinhalte. Je reicher und offener die Gesellschaft, um so offener und aufwändiger wird der Kampf um die Aufmerksamkeit ausgetragen. Nicht der sorglose Genuss, nein, die Sorge, dass die andern auch schauen, wird zum tragenden Lebensgefühl in der Wohlstandsgesellschaft. (Georg Franck, S. 8f.)

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    3. Individuum: Das Ich als Vermittler zwischen Triebwünschen und Zivilisationsansprüchen

    - Narzissmus I: Die Suche nach dem wahren Selbst oder "Das Drama des begabten Kindes" (Alice Miller, James Masterson)

    - Narzissmus II: Das Falsche Selbst (Kernberg, Winnicott, Balint, Ferenczi)

    - Narzissmus III: "Das Zeitalter des Narzissmus": Selbstwertkrise und Depression (Christopher Lasch)

    Der Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Bedingungen und individueller seelischer Gesundheit ist m.E. viel stärker als es rein psycho-technologische Verfahren, wie es z.B. die aktuelle Traumatherapie-Welle oder auch die Verhaltenstherapie zeigt, wahrhaben wollen - diese wirken letztlich reaktionär, weil Missstände z.B. in Familien zudeckend und nicht-fokussierend, weil sie lediglich dem Individuum helfen mit erlittenem Leid besser leben zu können).
    Oft nützt es mehr, wenn konkrete äussere Bedingungen verbessert werden als wenn nur inner-psychische Faktoren (wie z.B. die Resilienz, die psychische Widerstandsfähigkeit) behandelt und gestärkt werden.

    - Narzissmus II: Das Falsche Selbst (Kernberg, Winnicott, Balint, Ferenczi)

    (...) Das falsche Selbst ist teuer und braucht viel Pflege: die Oberfläche will poliert und immer auf Hochglanz gebracht sein: dauernd neue Klamotten, Status Symbole aller Art (Autos, Schmuck, Geräte, ...). Da es eben ein falsches, also künstliches, konstruiertes "Selbst" ist, zählen nur materielle und leistungsbezogene Werte. Emotionen dienen "nur" dem wahren Selbt - und da kommt es jetzt drauf an, ob das wahre Selbst, welches wie oben beschrieben eher schüchtern und bescheiden ist, ob dieses "Wesen" in uns überhaupt gespürt werden kann oder ob zuerst die ganze protzige Fassade drum herum abgebaut und aufgeweicht werden muss. Genau dazu dienen alle die verschiedenen tiefenpschologischen und humanistichen Psychotherapieverfahren.
    Besonders tragisch ist, dass im Modus des falschen Selbst wir alle nach immer mehr streben müssen, denn Stillstand ist Rückschritt ! Analog zum zwanghaften Wachstumsdiktat (vgl. Kapitel xx) in der Wirtschaft (deshalb: Zeitalter des Narzissmus, sprich: sekundärer Narzissmus, sprich: falsches Selbst) ist der arme Mensch im Falschen-Selbst-Zustand zu Einkommens- und Ausgabenvermehrung gezwungen. Deshalb ist selbst die dümmste Werbemassnahme noch immer wirksam, auch für hochintelligente Lebewesen...
    Also nocheinmal: Wirtschaft und Politik bilden ein unschlagbares Team, wenn es darum geht, die Bürger und Wohnbevölkerung eines Landes zu "falschen Selbsten" zu machen, falls es nicht schon in allerfrühester Kindheit passiert passiert ist (vgl. oben: Alice Miller). (...)


    Bärbel Schwertfeger 2002:
    "Heute steht Narzissmus für Selbstwert- oder Identitätsstörungen im weitesten Sinne. Narzissten verleugnen die bedrohenden oder unlustvollen Aspekte der Realität und ersetzen sie durch die Vorstellung der eigenen Grösse, das sogenannte Grössen-Selbst (»Ich bin vollkommen«). Sie sind ständig auf der Suche nach Bewunderung und haben gleichzeitig ständig Angst vor Kränkung. Das Nebeneinander von Minderwertigkeitsgefühlen und deren Abwehr durch Grössenvorstellungen lassen diese Menschen oft als eitel, prahlerisch und rücksichtslos erscheinen. Zugleich sind sie aber äußerst empfindlich und werden schnell depressiv. Der narzisstische Konflikt besteht daher in der Unvereinbarkeit von Grandiosität und Minderwertigkeit als zwei extremen Polen des Erlebens." (Schwertfeger 2002, S. 26)

    "Das einheitliche Selbstbewusstsein mit festen Werten und Zielvorstellungen, das die Identität eines Menschen ausmacht, gibt es nicht mehr. Doch wenn klare Werte und Fixpunkte fehlen, bleibt als einziges Objekt der Zuwendung nur die eigene Person. Je weniger fassbar die Welt wird, umso eher bezieht man sich auf sich selbst. Die Definitionsleistung fällt, so der Münchner Soziologe Ulrich Beck, auf den Einzelnen zurück.
    Die Orientierung wird schwieriger und zur Daueraufgabe, das Gesamtkunstwerk ICH zur Grossbaustelle.
    Die Flucht in die narzisstische Grandiosität kann daher durchaus als Schutzmechanismus gegen den immensen Leistungsdruck und die unsichere Zukunft gesehen werden. Wer sich ständig überfordert fühlt, kann so Kraft sammeln. Narzissmus als Ueberlebensstrategie." (Schwertfeger 2002, S. 25)

    "Narzissten in Führungspositionen sind eine Zeitbombe. Sie haben keine Ahnung von zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie beachten keine gewachsenen Strukturen. Sie sind Spieler, nur auf ihre eigene Karriere bedacht. Sie vermeiden Feedback wie der Teufel das Weihwasser, um nicht mit eigenen Schwächen konfrontiert zu werden. Sie vergraulen gute Mitarbeiter, weil sie in sich selbst nicht stimmig sind und nicht das tun, was sie sagen. Sie lechzen nach Bewunderung und wenn man sie kritisiert und ihre Großartigkeit in Frage stellt, dann schlagen sie mit allen Mitteln zurück. Um ihre »narzisstische Kränkung« zu bewältigen, treffen sie oftmals völlig irrationale Entscheidungen und schaden dabei manchmal sogar dem Unternehmen. »Die können ein Unternehmen in den Ruin treiben«, glaubt die Psychoanalytikerin Elisabeth Petershagen.
    Doch sie tarnen sich gut: Narzissten sind oftmals auf den ersten Blick genau die High Potentials, die die Unternehmen suchen. Sie sind ehrgeizig, fachlich kompetent und vor allem von sich selbst überzeugt. Sie beeindrucken mit ihrem geschliffenen Auftritt und ihren vielversprechenden Visionen und leider setzen Unternehmen gerade in wirtschaftlich schlechten Zeiten gern auf junge Bluffer, die ihnen das Blaue vom Himmel versprechen. (Schwertfeger 2002, S. 31f.)

    - Narzissmus IIa: Das wahre Selbst

    Wahres Selbst: woran erkennt man dieses bei sich und anderen ?

    - Bescheidenheit ist viel mehr als eine Zier, sie ist Ausdruck des wahren Selbst
    - Demut und Dankbarkeit
    - Bewahrung der Schöpfung: Oekologisches Handeln als humanistische Konsequenz

    Was klingt wie eine Sonntagspredigt, ist für mich selber und viele andere befreiend erlebte Realität:

    Abschied aus dem Hamsterrad des "immer mehr" und Zufriedenheit mit inneren, wahren, meistens nichtmateriellen Werten: Innerer statt äusserer Reichtum !

    Das Falsche Selbst zeigt sich umgekehrt v.a. in zwei Bereichen:
    - Streben nach immer mehr Materiellem, nach mehr Lohn, nach Status Symbolen etc. - im Konsumverhalten zeigt sich die wahre Selbstsicherheit und das Selbstwertgefühl am besten. Je unsicherer (eine "Qualität" des falschen Selbst) eine Person, desto mehr erliegt sie dem Konsumrausch, seien es materielle (Luxus-)Güter oder auch Konsum im Suchtbereich: Drogen, Alkohol und andere Abhängigkeiten - Streben nach immer mehr Aufmerksamkeit, meistens in Form von Leistung, v.a. Anerkennung dieser Leistung: Aufstieg im Beruf, dauernde Aus- und Weiterbildungen, Karrierestreben etc.

    Nun ist es durchaus so, dass auch vermögende und "berümte" Menschen aus dem wahren Selbst heraus leben können - nur ist es viel schwieriger als wenn man unbekannt und mit weniger Geld ausgestattet ist.
    Umgekehrt ist es für Menschen welche aus der Unterschicht stammen oder z.B. aus Schwellenländern nach Europa oder in die USA emmigriert sind, auch schwierig, den Verlockungen der Konsumgesellschaft zu widerstehen und ganz bei sich zu bleiben und auch nach der Immigration ein bescheidenes Leben weiterzuführen.
    Oft muss das Materielle ausgekostet werden, bevor man mit der Zeit zu einem postmaterialistischen, an inneren Werten orientierten Leben findet - das war bei uns in Europa oder den USA/Kanada nicht anders: vom Materialismus zum Postmaterialismus (vgl. georg Franck 2000 und 2003). Es ist also m.E. unsere Aufgabe hier im reichen Westen, freiwillig zu den wahren, sprich: inneren, Werten zurückzukehren, bevor wir dazu gezwungen werden, weil der Planet Erde uns quasi abschüttelt, weil wir seit Jahrzehnten Raubbau mit seinen Ressourcen (Wasser, Luft, Oel, Gas etc.) betreiben. Ich bin sicher, dass der Planet Erde uns Menschen auf jeden Fall überleben wird, wir aber nicht ihn...

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    4. Therapie im Kontext:

    PSYCHOANALYSE und Tiefenpsychologie

    Weil für meine eigene tägliche Arbeit als Psychotherapeut in freier Praxis in Bern die klassische Psychoanalyse von Freud die Hauptgrundlage ist, möchte ich im folgenden die Konzepte und Methoden des "Entdeckers" der Psychoanalyse Sigmund Freud (es gab Vorgänger wie Nietzsche, Schopenhauer, Breuer, Charcot, Janet u.a.) beschreiben, bevor wir zur Beschreibung meiner eigenen integrativen Kurzzeittherapieform kommen:

    Was ist Psychoanalyse und wie hat sie sich entwickelt ?

    Die Psychoanalyse wurde von Sigmund Freud (1856-1939) begründet. Freud gliedert das psychische Erleben in die Bereiche Unbewusstes, Vorbewusstes und Bewusstsein. Grosse Bedeutung kommt auch den Abwehrmechanismen wie Verdrängung, Verleugnung, Projektion etc. zu, die in der frühen Kindheit gegen bedrohliche Erlebnisinhalte aufgebaut werden. Ziel der Psychoanalytischen Behandlung ist es, Einschränkungen im Erleben des Patienten dadurch zu beheben, daß Unbewusstes bewusst gemacht wird. Dies geschieht vor allem durch die "freie Assoziation" (alles, was dem Klienten in den Sinn kommt, soll geäußert werden) und durch die Analyse der auftauchenden Uebertragungsphänomene. Der Analytiker bewahrt eine "gleichschwebende Aufmerksamkeit", d.h., er nimmt alle vorgebrachten Aeusserungen möglichst selektionsfrei, unvoreingenommen und nicht wertend wahr und hilft, diese durch Deutung ihres verborgenen Sinnes zu entschlüsseln. Zudem hält sich der Analytiker hinsichtlich persönlicher Aeusserungen weitgehend zurück ("Abstinenz"), um die Uebertragung, d.h. die Verschiebung von Gefühlen, Einstellungen und Verhaltensweisen des Analysanden gegenüber früheren Bezugspersonen auf den Therapeuten zu fördern.

    Sigmund Freud, in armen Verhältnissen in der Provinz aufgewachsen, hat sich im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu einem erfolgreichen Psychiater und Psychotherapeuten hochgearbeitet; dies, nachdem er eine universitäre Karriere aufgrund seiner jüdischen Herkunft (!) hatte aufgeben müssen. Diese "Degradierung" (aus Sicht der oberen Gesellschaftsschicht) vom Forscher zum Praktiker hat sich in der Folge aber als fruchtbar erwiesen. Die Psychoanalyse wäre im Elfenbeinturm der Universität kaum entdeckt worden. Hier zeigt sich ein erstes Mal die Notwendigkeit einer Verschränkung von Theorie und Praxis.

    Nachdem Freud in den 1890er Jahren in Ermangelung etwas Besseren, zusammen mit seinem väterlichen Freund Josef Breuer, v.a. mit Hypnose gearbeitet hatte (sehr spannend: Studien über Hysterie, 1895), kam er zum bahnbrechenden Schluss, dass dieselben Gedächtnis-Inhalte (sog. "Material") auch bei vollem Bewusstsein hervorzuholen sein müssten und er erfand die Methode der "Freien Assoziation". Erst dadurch konnte das in der Therapiesitzung Erkannte (damals noch oft durch relativ autoritäre Deutungen des Analytikers, heute meist gemeinsam und partnerschaftlich mit dem Klienten zusammen), auch in den Alltag der PatientInnen transferiert werden.

    Von 1895-1905 arbeitete Freud die Psychoanalyse zu einer geschlossenen Theorie aus. 1897: Oedipus-Komplex, 1900: Traumdeutung, 1901: Fehlleistungen, 1905: Sexualtheorie.
    Da ich an dieser Stelle nur auf ausgewählte Themen näher eingehen kann, sei auf ein ausführliches Literaturverzeichnis mit Buchtitel-Abbildungen etc. verwiesen: www.psychologische-beratung-bern.ch/literatur.htm.

    (..........)

    Klassische Psychoanalyse (Sigmund Freud)

    Die Psychoanalyse wurde von Sigmund Freud (1856-1939) begründet. Freud gliedert das psychische Erleben in die Bereiche Unbewusstes, Vorbewusstes und Bewusstsein. Grosse Bedeutung kommt auch den Abwehrmechanismen wie Verdrängung, Verleugnung, Projektion etc. zu, die in der frühen Kindheit gegen bedrohliche Erlebnisinhalte aufgebaut werden.
    Ziel der Psychoanalytischen Behandlung ist es, Einschränkungen im Erleben der/s PatientIn dadurch zu beheben, dass Unbewusstes bewusst gemacht wird. Dies geschieht vor allem durch die "freie Assoziation" (alles, was der/m KlientIn in den Sinn kommt, soll geäussert werden) und durch die Analyse der auftauchenden Uebertragungsphänomene.
    Die/der AnalytikerIn bewahrt eine "gleich schwebende Aufmerksamkeit", d.h., er nimmt alle vorgebrachten Aeusserungen möglichst selektionsfrei, unvoreingenommen und nicht wertend wahr und hilft, diese durch Deutung ihres verborgenen Sinnes zu entschlüsseln. Zudem hält sich die/der AnalytikerIn hinsichtlich persönlicher Aeusserungen weitgehend zurück ("Abstinenz"), um die Uebertragung, d.h. die Verschiebung von Gefühlen, Einstellungen und Verhaltensweisen der/des AnalysandIn gegenüber früheren Bezugspersonen auf die/den TherapeutIn zu fördern.

    Setting: 3 bis 5 mal wöchentlich, oft über mehrere Jahre. Um das freie Assoziieren zu erleichtern, liegt die/der KlientIn auf der Couch, die/der AnalytikerIn sitzt für ihn nicht sichtbar am Kopfende (zitiert nach: Paul Gumhalter, Beatrix Teichmann-Wirth, Martin Voracek und Gerhard Stumm).

    Lebenslang steht diesem freudschen Modell zufolge der Homo sapiens im Konflikt zwischen seinen naturwüchsigen Triebwünschen und gesellschaftlichen Zwängen, die ihn nötigen, sich zu mässigen oder Verzicht zu üben. Wo das misslingt, beginnt die seelische Krankheit.

    Bewusst, Unbewusst, Vorbewusst

    Im 7. Kapitel, Abschnitt F seines Hauptwerkes (provozierend, weil irreführend, "Die Traumdeutung" (1899) genannt), beschreibt Freud ein erstes Mal drei wichtige Bewusstseinszustände des Menschen, als sog. "erste Topik" bekannt geworden:

    - Bewusst = wach, klar, sofort und jederzeit beschreibbar
    - Vorbewusst = bewusstseinsfähig, nur mittels tiefenpsychologischer Methoden zu erkennen
    - Unbewusst, inkl. verdrängt, nur mittels psychoanalytischer Methoden zu erkennen

    Der aus dieser Dreigliederung abgeleitete wichtigste Abwehrmechanismus (s.u.) ist die Verdrängung (von ehemals Bewusstem ins Unbewusste "hinunter").

    "Wo Es war, soll Ich werden"

    Da Sigmund Freud, wie erwähnt, seine Konzepte einerseits aus der praktischen Arbeit gewann, andererseits diese auch wieder anhand konkreter Begebenheiten immer wieder überprüfte (vgl. auch Klaus Grawes (!) Forschungszyklus, beschrieben in Frauchiger, 1997, Wirkfaktoren der Psychotherapie), modifizerte er seine Theorie des Unbewussten allmählich und es entstand folgendes, zweites Schichtenmodell (sog. zweite Topik (1923) oder Instanzenlehre):

    - ICH: bewusstseinsfähige Werkzeuge wie Sprache, Rechnen, Feinmotorik
    - ES: unbewusste, lebenswichtige Antriebe des Menschen (v.a. Sexualität, Aggression, später: Todestrieb)
    - Ueber-ICH (Ich-Ideal): von den Eltern bzw. Gesellschaft unbewusst übernommene Normen

    Beide Modelle kombiniert (er hat die erste Topik nie aufgegeben!), ergeben folgendes Bild:

    Zweite Topik - Integrationsmodell - Freud - 1932


    (...........)

    - Stufen der sexuellen Entwicklung: oral, anal, phallisch, oedipal, latent, pubertär, adoleszent, genital


    Therapietechnische Aspekte

    - Psychotherapeut/Psychoanalytiker: gleichschwebende Aufmerksamkeit. 8 Empfehlungen, Freud 1912 (Ratschläge für den Analytiker):

    1. Gleichschwebende Aufmerksamkeit als Gegenstück zur Freien Assoziation beim Klienten
    2. Keine Notizen oder Protokolle während den Sitzungen: Man höre zu und kümmere sich nicht darum ob man sich etwas merke...
    3. Keine wissenschatliche Bearbeitung des Falles parallel zur Therapie. "Erfolgreich behandelt man dann wenn man absichtslos verfährt und sich von jeder neuen Entwicklung des Patienten überraschen lässt".
    4. Der Psychoanalytiker sollte seine eigenen Affekte (z.B. Mitleid) beiseite drängen. Diese "Gefühlskälte" erlaubt die Schonung des Affektlebens des Analytikers und bietet damit die besten Voraussetzungen, dem Patienten zu helfen".
    5. Eigene Analyse ist nötig, damit die vom Klienten vorgenommene Auswahl nicht durch einen eigene Zensur ersetzt wird. "Man wird nicht nur seine Absicht, das Verborgene der eigenen Person kennen zu lernen, in weit kürzerer Zeit und mit geringerem affektiven Aufwand verwirklichen, sondern auch Eindrücke und Ueberzeugungen am eigenen Leibe gewinnen, die man durch das Studium von Büchern und Anhören von Vorträgen vergeblich anstrebt" (1912e, S. 382f.).
    6. Der Psychoatherapeut soll für seinen Klienten weitgehend undurchsichtig sein (sog. partielle Offenheit) und ihm/ihr wie ein Spiegel lediglich das zeigen was ihm (dem Therapeuten) gezeigt wird.
    7. Der Therapeut sollte nicht allzu ehrgeizig sein, sondern sich damit bescheiden, ein Stück Lebens- und Genussfähigkeit wiederhergestellt zu haben. [Narzissmus vs. Sublimierung ....]
    8. Der Patiuent hat v.a. zu lernen, dass intellektuelle Tätigkeit seine Neurose nicht zu heilen vermag. Er lernt an der eigenen Person mehr, als ihm die gesamte psychoanalytische Literatur vermitteln kann. Trotzdem kann Literatur vor einer eigenen Analyse hilfreich und v.a. motivierend sein.

    Demgegenüber ist der/die KlientIn auch zu spezifischem Verhalten angehalten:
    - freie Assoziation: "Ohne Zensur (!) Aussprechen, was einem durch den Kopf geht"

    - Die Uebertragungsneurose entspricht dem Konflikt zwischen ICH und ES, die narzisstische Neurose dem zwischen ICH und Ueber-ICH, die Psychose dem zwischen ICH und der Aussenwelt (1924).

    - Traum: "Sein Inhalt ist eine Wunscherfüllung, sein Motiv ein Wunsch" (1900)

    Metapsychologie

    Es gibt noch einen "zweiten Freud". Während bisher v.a. von individuellen und innerfamiliären Vorgängen die Rede war, geht es im folgenden noch mehr um die "dunkle Seite" des Menschen, so wie sie sich offenbaren kann im Zusammenleben grösserer Gruppen, z.B. in Staaten.

    Dieses viel gescholtene Spätwerk Freuds, ist für meine psychotherpaeutische Arbeit ebenso wichtig wie seine individualpsychologischen Erkenntnisse. Ziel jeder Psychotherapie sollte sein, nebst einer Verringerung der Symptome, auch eine dem Klienten angemessenere, ev. sogar verbesserte, Position in der Gesellschaft und in der Kultur zu finden:
    - Evolution und Kultur: gemäss Freud (und vor ihm auch schon Darwin) ist der Mensch, biologisch gesehen, nichts mehr als ein Säugetier "mit kulturellem Mäntelchen".
    In "Das Unbehagen in der Kultur" (1930) stellt Freud die Sublimierung als einzige Lösung dar, Sexualität (s.o.) und Aggression sozialverträglich auszuleben = Kreativitaet = Kultur !
    Anders ausgedrückt: Kultur ist ohne Triebverzicht nicht zu haben.

    Schon viel früher schrieb er: "Unsere Kultur ist auf der Unterdrückung von Trieben aufgebaut. Somit bezahlt die Gesellschaft die Unterordnung ihrer Mitglieder unter ihre Sexulmoral mit einer Zunahme von psychischen Störungen" ! (1908).
    - Tabu -> Toegel S. 107ff.

    - Religion -> Toegel S. 113 unten

    Weiterentwicklungen der Psychoanalyse

    Hier möchte ich v.a. die Narzissmus-Theorien erwähnen, welche erst nach Freud so richtig in Fahrt kamen:

    Freud 1914:

    Narkissos war der Sohn des Flussgottes Kephisos, der sich in Liebe zu seinem Spiegelbild verzehrte. In der psychoanalytischen Theorie ist Narzissmus ein normaler Entwicklungsabschnitt beim Kind. So entsprach der primäre Narzissmus bei Sigmund Freud einem frühen Stadium der oralen Phase, in dem sich das Ich noch nicht aus dem Es herausdifferenziert hatte. Dementsprechend ist auch noch kein Ich vorhanden, das die Realitätsprüfung durchführen könnte, die wiederum die entscheidende Funktion des Ich ist. (Schwertfeger 2002, S. 25f.) Heinz Kohut:
    Heinz Kohut fasste den Begriff weiter, da er von einem allgemein für die gesunde Entwicklung typischen primären Narzissmus ausgeht, der durch die vorübergehende Idealisierung des Selbst und der Eltern gekennzeichnet ist. Misslingt die Auflösung dieser Idealisierung aufgrund von Erfahrungen der Vernachlässigung oder Abwertung, so bleiben unbefriedigte Grössenansprüche und beschämende Minderwertigkeitsgefühle zurück, die sich als narzisstische Persönlichkeitsstörung äussern. (Schwertfeger 2002, S. 25f.)

    Otto F. Kernberg:
    Hier eine "traditionelle" Definition aus den 70-er Jahren von Otto Kernberg, dem vielleicht berühtesten Narzissmus-Forscher:
    - Kernberg, O.F. (1978, engl.'75). S. 358ff.

    ..........

    - Kernberg: Charakterniveaus -> Toegel S. 71 unten

    Fortsetzung: - Bescheidenheit - Demut - Ehrfurcht und Staunen vor der Schöopfung




    Neuro-Psychoanalyse:

    Es ist klar, dass ein mehr als hundert Jahre altes Behandlungsverfahren der heutigen Zeit angepasst werden muss. Insbesondere die Nachweise der Wirksamkeit sind heute viel besser möglich als noch vor zehn Jahren und erst recht als zu Freuds Zeiten wo v.a. wegen mangelnder technischen Möglichkeiten noch keine (natur-)wissenschaftliche Ueberprüfung seiner genialen Konzepte möglich war.
    Heute sind mit den bildgebenden Verfahren MRI, PET etc. moderne Möglichkeiten vorhanden, der Psychoanalyse ein biologisches Fundament zu verleihen. Dieses Fundament muss heutzutage biologisch sein, weil die Leitwissenschaft nicht mehr die Philosophie ist wie zu Freuds Zeiten, sondern die Hirnforschung (Neurologie) und damit die Naturwissenschaften anstelle der Geisteswissenschaften früher. Mir persönlich und auch den meisten meiner tefenpsychologisch fundiert arbeitenden KollegInnen ist aber eine Integration beider Herangehensweisen wichtig, weil es nach wie vor Bereiche gibt, die sich einer objektivierbaren Naturwissenschaft entziehen, vgl. auch meinen eigenen Aufsatz zur Metatheorie Frauchiger 1998.

    Ein Zitat eines führenden Forschers dazu: "Hilfreich und überzeugend kommt immer mehr hinzu, dass Freuds Konzepte z.B. des Unbewussten, der Verdrängung, der Übertragung, des Widerstandes etc., neuerdings von unvermuteter Seite bestätigt werden: von der Neurologie und Neuropsychologie!" (...........).

    Lange Zeit ließ sich das Theoriegebäude von Freud experimentell nicht stützen. Nun aber bestätigen neue Untersuchungen der Hirnforschung viele seiner umstrittenen Thesen über das Unbewusste. Deshalb wollen in Zukunft Neurowissenschaftler und Psychoanalytiker die letzten Rätsel der Psyche gemeinsam entschlüsseln.

    . . . .

    Mark SOLMS: Neuropsychoanalyse

    "Nachts offenbart sich unsere biologische, tierische Seite, die der kulturellen, sozialen unseres Geisteslebens gegenübersteht" (zitiert aus einem Spiegel-Interview mit Mark Solms)
    Führender Kopf hinter diesen Integrationsbemühungen ist Prof. Mark Solms.
    Seine Bewunderung für Freud geht über die der meisten anderen Psychoanalytiker hinaus, wie er selbst meint. Zwar stimme er keineswegs in allen Punkten mit dem Altmeister überein, betont er: "Aber ich bin überzeugt, dass es sich lohnt, Freuds großes Ziel weiterzuführen, nämlich das Seelenleben in die Naturwissenschaften zu integrieren".
    Auch geht es ihm und seinen Kollegen keineswegs darum, zu beweisen, dass Freud Recht hatte. Vielmehr: "Freud hat versucht, eine Sprache und eine Methode für die Wissenschaft vom Innenleben zu finden. Er hat eine Art Basis-Topografie der Seele und ihrer grundlegenden Bestandteile geschaffen. Und wir bringen nun diese Arbeit zu Ende".

    Auch Kritik an der Psychoanalyse, d.h. an den Fehlentwicklungen nach Freuds Tod 1939: Leider ist vieles vom aufrührerischen Geist, der Kulturtheorie, der Religionstheorie und vielen anderen unkonventionellen und mutigen Anätzen Freuds verloren gegangen im Versuch, die Psychoanalyse in den Mainstream des vom Behaviorismus und den Kognitionswissenschaften beherrschten "offiziellen" Kanons der von Kassen bezahlten Behandlungsmethoden zur¨ckzukehren. Diesen verlorengegangenen kritischen und nie mehrheitsfähigen Geist versuche ich (mit vielen anderen zusammen) wiederaufleben zu lassen in meiner täglichen psychotherapeutischen Praxis und auch mit Texten wie diesem.

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    5. Korrigierende Erfahrungen: Humanismus und moderne Psychodynamik

    Korrigierende kognitive und emotionale Erfahrung (Manfred Pohlen und ein bisschen Kognitive Verhaltenstherapie)

    Manfred POHLEN, Klaus Theweleit: Pychoanalyse als Kunstform und Gesellschaftskritik

    In seiner Radikalität einzigartig hat es mir der Psychoanalytiker Prof. Dr. Manfred Pohlen besonders angetan. Sein Hauptanliegen ist es, die originale und originelle Arbeitsweise (Praxis im konkreten und nicht im überlieferten Sinne!) von Sigmund Freud wieder hervorzuholen und vom institutionellen Staub zu befreien. Es ist leider so, dass die einst so lebendige "Bewegung" Psychoanalyse zu einem elfenbeinturmartigen, verkrusteten Gebilde verkommen ist und ein Grossreinemachen dringend Not tut.
    (...) V.a. der Anpassungsdruck von Seiten der Geldgeber sowohl für Forschung wie auch f&uum;r die Praxis (sprich: Krankenkassen), hat dazu geführt, dass der Psychoanalyse die Zähne gezogen wurden und diese einst so revolutionäre Kraft zu einem braven Hauskätzchen hat werden lassen.
    Es ist also Zeit für den "wahren Freud", will heissen, den kreativen, intuitiven, Unangenehmes ansprechenden, genialen Denker und Praktiker wieder hervorzuholen. Dies gelingt am besten wenn man das bisher leider einzige Transkript einer gesamten von Freud durchgeführten Therapie sich anschaut - genau das hat Manfred Pohlen getan in seinem sehr empfehlenswerten Buch "Freuds Analyse" aus dem Jahre 2006.

    . . . . . .

    Dabei wurde, nach Pohlens Ueberzeugung, der Psychoanalyse ein harmonisiertes, kleinbürgerliches Menschenbild untergeschoben, das der düstere, pessimistische Freud wohl nie und nimmer akzeptiert hätte. Für ihn stand, laut Pohlen, die letztlich unzähmbare menschliche Triebnatur im Mittelpunkt seines Denkens: ein "biologischer Fels", der allen Zivilisationsbemühungen trotzt.
    Lebenslang steht diesem Psychomodell zufolge der Homo sapiens im Konflikt zwischen seinen naturwüchsigen Triebwünschen und gesellschaftlichen Zwängen, die ihn nötigen, sich zu mäßigen oder Verzicht zu üben. Wo das misslingt, beginnt die seelische Krankheit. Die malträtierte Psyche produziert Leidenssymptome: Macken, fixe Ideen, Ängste, Wahnvorstellungen oder Depressionen.
    Wie unerlöste Wiedergänger, fremd und bedrohlich, spuken die unterdrückten, "verdrängten" Triebe durch das Bewusstsein der Patienten - so jedenfalls sehen es Pohlen und Bautz-Holzherr. Symptome sind in ihren Augen vor allem Zeichen einer berechtigten Revolte der Psyche.

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    6. Entwicklung und Integration

    - Erik Erikson bahnbrechendes Werk

    - Alice Millers und Winnicotts Entdeckungen

    "Gefördert wurde er möglicherweise auch durch die Sozialisationsbedingungen der heutigen 25- bis 35-jährigen. Denn wer nach der Entdeckung der Pille in den sechziger Jahren geboren wurde, war häufig ein Wunschkind und wurde nicht nur verwöhnt, sondern sollte auch großartig sein. Das Kind wurde zum erweiterten Selbst der Eltern - wie die Psychoanalytiker es formulieren - und ist damit natürlich auch anfälliger für die narzisstische Thematik. Einerseits muss es großartig sein, andererseits übersteigen die Erwartungen häufig seine Fähigkeiten. Weil es aber seine Eltern nicht enttäuschen will, bleibt oftmals nur die Lüge oder der Bluff." (............, S....)

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    7. Décroissance und Kapitalismuskritik: Small is Beautiful, Downsizing - Mässigung, Balance, Toleranz

    Décroissance und Downsizing: die politische und weltanschauliche Dimension
    "Derzeit verzetteln wir uns in einer reizüberfluteten Konsumsphäre, die unsere knappsten Ressourcen aufzehrt, nämlich Zeit und Aufmerksamkeit.
    Durch den Abwurf von Wohlstandsballast können wir uns auf das Wesentliche konzentrieren, statt im Hamsterrad der käuflichen Selbstverwirklichung zusehends Schwindelanfälle zu bekommen.
    Wenige Dinge intensiver zu nutzen und zu diesem Zweck bestimmte Dinge einfach souverän zu ignorieren, bedeutet weniger Stress und damit Glück." (Niko Paech in der Zeitschrift "Zeitpunkt" 112)

    Analog zur individuellen Rückbesinnung auf das Wesentliche im Leben ist auch ein Runterfahren unserer hochtourigen Wirtschaft vonnöten - denn sonst kommen die Individuen immer wieder ins Hamsterrad des "immer mehr" zurück. Nebenbei gesagt ist Sparen und Kürzertreten auch wegen der Umwelt nötig. Hier treffen sich zwei meiner Haupt-Anliegen: der Ökologie-Gedanke und die Suche nach dem wahren Selbst.

    "Unsere Welt ist heute mehr als je zuvor eine Welt in der Krise. Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Energiekrise, Klimakrise, Hungerkrise.
    Die Folgen davon sind Krieg, Arbeitslosigkeit, Not und Elend.
    Die Antwort der politischen und wirtschaftlichen Eliten auf diese Katastrophen ist – mehr vom Gleichen: stärkere Banken, mehr Wirtschaftswachstum, mehr Energieproduktion und -verbrauch, die endgültige Verökonomisierung des Klimas durch CO2- Handel, und Nahrungsmittel als Treibstoffe für Autos. Alle Vorschläge, die uns von den Regierenden als Lösungen präsentiert werden, beruhen auf der Annahme, dass durch eine Zunahme der Produktivität, des Handels, kurz: des Wachstums, sämtliche Probleme gelöst werden.
    Die Erfahrung und die Vernunft sagen das Gegenteil. Das Wachstum kann in den Ländern des Nordens nicht die Lösung sein, der Wachstumszwang ist vielmehr das Hauptproblem. Die systemische Verpflichtung zum immer Mehr, immer Grösser, immer Schneller ist der blinde Fleck im Auge der EntscheidungsträgerInnen, der sie daran hindert, neue Ansätze zu verfolgen. Es ist offensichtlich, dass nur eine Ökonomie, welche die Bedürfnisse der Menschen nach Freiheit, sozialer Geborgenheit und einem würdevollen Leben ins Zentrum stellt, einen Beitrag zu einer friedlicheren, besseren Welt leisten kann.
    Dass trotzdem das Wirtschaftswachstum das allererste Kriterium ist, das sämtlichen Regierungsprogrammen zugrunde liegt, kommt daher, dass das kapitalistische System mit seinen Macht- und Besitzverhältnissen zwingend auf Wachstum angewiesen ist. Dies spricht aber nicht für die Vernünftigkeit des Wachstumsdogmas, sondern vielmehr für die Notwendigkeit, den Kapitalismus ein für allemal zu überwinden und eine solidarische, selbstverwaltete, wirklich nachhaltige Ökonomie und Gesellschaft an seiner Stelle aufzubauen." (Philipp Zimmermann im Editorial "Decroissance - Die Mutmacherin").

    "Die Katastrophe ist nämlich nicht unvermeidlich. Homo sapiens ist nicht am Ende, wohl aber Homo oeconomicus. Die soziale und ökologische Verelendung der Menschheit ist nicht in der Evolution festgeschrieben.
    Unbegrenzter Reichtum ist kein Menschenrecht, so wenig wie unbegrenzter Individualismus. Lebensfreude und Verzicht lassen sich vereinbaren. Ein Ausweg aus unserer Zivilisationskrise ist möglich.
    Wir können ihn finden, wenn wir den Mut haben, uns vom Wachstumsdogma zu verabschieden. (Ernst Schmitter in "Decroissance - Die Mutmacherin")

    "Selbstbegrenzung ist ein Gegenbegriff zur Masslosigkeit, die unsere Gesellschaft in vielen Bereichen prägt. Anstelle der Bewegung zu «immer mehr, besser, grösser, schneller, reicher», die als vorbildlich gilt, wirbt Décroissance für «gut, zufrieden, massvoll, bescheiden, solidarisch»." (Decroissance - Die Mutmacherin).

    Kapitalismuskritik:
    Nach Lektüre von Dutzenden Büchern und Hunderten von Zeitungsartikeln zum Thema Finanz- und Wirtschaftskrise fassen die folgenden Regeln aus Ulrich Schäfers ausgezeichnetem Buch "Der Crash des Kapitalismus" das Thema sehr gut zusammen (den mehrseitigen Auszug finden Sie hier):

    Regel 1: Der Staat darf Banken nur dann herauskaufen, wenn er diese anschließend einer schärferen Regulierung unterwirft.

    Regel 2: Das Schatten-Bankensystem muss zerstört werden.
    Für alle Kredite, egal wo sie verbucht werden, müssen die Banken die gleichen Reserven vorhalten. Die Regel muss von allen Industrienationen und Schwellenländern akzeptiert werden. Auch von den USA.

    Regel 3: Hedgefonds brauchen eine scharfe Kontrolle.

    Regel 4: Besonders riskante Finanzprodukte müssen verboten werden.
    Nobelpreisträger David McFadden und Joseph Stiglitz fordern solch eine Zulassungsbehörde, ebenso der deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn und Altkanzler Helmut Schmidt. Zudem sollte der Staat dafür sorgen, dass Derivate nur an der Börse gehandelt werden, also an einem öffentlichen Marktplatz. Derzeit werden 84 Prozent aller Derivate außerhalb der Börse verkauft, weshalb niemand den Markt durchschaut. Die Preise werden freihändig festgelegt.

    Regel 5: Die Ratingagenturen müssen zerlegt werden.
    Die Ratingagenturen und ihre Auftraggeber müssen zudem alle Informationen offenlegen, die für ein Rating erforderlich sind. Dann kann jederzeit eine andere Agentur die Noten überprüfen und eigene, abweichende Bewertungen veröffentlichen.

    Regel 6: Die Gehälter der Banker müssen begrenzt werden.
    Wer als Investmentbanker arbeitet, profitiert immer: Steigt der Gewinn, wachsen die Gehälter ins Unermessliche und die Boni auf 20, 30 oder gar 40 Millionen Euro. In schlechten Jahren müssen sie nichts zurückzahlen und erhalten weiter ihr Grundgehalt.

    Regel 7: Die Finanzmärkte brauchen eine globale Aufsicht.
    Weil: Wer die Finanzmärkte bändigen will, muss sich auch jene Länder vorknöpfen, die die Regeln der anderen unterlaufen und dadurch Anleger und Finanzkonzerne anlocken: die Steuerparadiese.



    "Décroissance bedeutet Kampf gegen die Wirtschafts- und Finanzdiktatur. Deshalb ist die Bewegung gegen die so genannte freie Marktwirtschaft, also letztlich gegen den Kapitalismus. Es geht ihr aber nicht nur um die Ueberwindung eines Wirtschaftssystems, das auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln beruht. Es geht ihr um die Überwindung des Denkens in bloss ökonomischen Kategorien und des Handelns nach bloss ökonomischen Kriterien. Es geht ihr um die Ueberwindung des Machtstrebens, das untrennbar zum ökonomischen Denken gehört. Das bedeutet einen Mentalitäts- und Gesellschaftswandel, der schon vor – und natürlich auch nach – dem Uebergang in ein postkapitalistisches System wirken kann. Deshalb lautet die ganze Antwort:
    Décroissance ist zwar antikapitalistisch. Sie ist aber nicht nur sinnvoll im Hinblick auf eine künftige – und ungewisse – Ueberwindung des Kapitalismus, sondern auch als Mentalitätswandel innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Die Radikalität des Décroissance-Gedankens lässt vermuten, dass eine Vereinnahmung der Bewegung durch den Kapitalismus weniger leicht ist, als dies bei früheren alternativen Bewegungen der Fall war, zum Beispiel bei den Achtundsechzigern oder den Grünen.
    Die Begriffe und Werte, mit denen diese Bewegungen arbeiteten (Freiheit, Autonomie, Schonung der Umwelt usw.), lassen sich leicht im Interesse des Kapitalismus uminterpretieren. Das dürfte bei den Grundwerten der Décroissance schwieriger sein. Abgesehen von ihren ungewissen Erfolgsaussichten, ist sie deshalb ein Störfaktor für das Funktionieren des Kapitalismus." (Decroissance - Die Mutmacherin).

    Mainzer-Thesen, These 5: Das Gesundschrumpfen der Wirtschaft und die deutliche Verringerung des Konsums sind mindestens in den reichen Ländern unvermeidlich.
    Eine Ökonomie, die zu deutlichem „Gesundschrumpfen“ gezwungen sein wird, um letztendlich einen nachhaltigen Gleichgewichtszustand zu erreichen, stellt Wirtschaftssystem und Politik vor nie gekannte Herausforderungen. Dieser Wandel der Ökonomie wird politisch nur dann durchsetzbar sein, wenn Reichtum umverteilt und soziale Gerechtigkeit hergestellt wird.

    Bereits ein Blick auf die Müllhalden der Welt zeigt, dass wir derzeit eine reine Verschwendungs-Wirtschaft, zelebrieren, die zwingend zum globalen Kollaps führen muss.
    Durch die drohenden Ressourcen-Engpässe werden wir wahrscheinlich schon in den nächsten Dekaden gezwungen werden, mit deutlich weniger Energie- und Rohstoff-Verbrauch auszukommen als bisher. Das bedeutet ein deutliches Schrumpfen der Real-Ökonomie und damit des materiell definierten Lebensstandards gegenüber dem heutigen Niveau, - zumindest in der „Ersten Welt“. Eine schrumpfende Ökonomie wird keine Spielräume mehr haben, wie in der Vergangenheit soziale Benachteiligung über ein höheres Wirtschaftswachstum auszugleichen und soziale Konflikte zu entschärfen Im Gegenteil, jede Verringerung des Konsums verstärkt die Bedeutung der Verteilungsfrage: Wer darf wie viel in Anspruch nehmen und warum? Daraus ergibt sich, dass wirksame Begrenzung nur mit einer als gerecht empfundenen Verteilung gelingt. Falls diese gerechte Verteilung nicht gelingt, dann werden sich die sozialen Kämpfe in einer kaum vorstellbaren Weise zuspitzen.
    In unserem Wirtschaftssystem haben sich inzwischen wenige, transnationale Unternehmen die Energie- und Rohstoff-Ressourcen gesichert; die Verteilung wird über den Markt bestimmt.
    Es stellt sich nun die Frage: Kann ein allein vom Markt geprägtes Wirtschaftssystem eine gerecht empfundene Verteilung sichern?
    Wir stehen wahrscheinlich vor folgenden Alternativen: Eine gegen die Bevölkerungsmehrheit durchgesetzte post-kapitalistische Raubtier-Ökonomie in einer „re-feudalisierten“ Gesellschaft („Barbarei“) oder ein halbwegs geordnetes Schrumpfen durch volkswirtschaftliche Pläne bei starker Zurücknahme des Rechts Einzelner, sich natürliche und gesellschaftliche Ressourcen privat unbegrenzt anzueignen.

    -----------------------------------------

    Narzisstisches Zeitalter?
    - Entfremdung durch Kapitalismus
    - Faszination der Oberflächen/des Oberflächlichen
    - Entkörperung durch virtuellen Raum (Internet)
    ------------------------------------------

    Der Siegeszug des Kapitalismus und seine baldige Explosion?
    "Früher lüpfte man den Hut vor Professoren und Philosophen, doch in den Achtzigern setzte ein Wertewandel ein. Warum ist intellektuell heute ein Schimpfwort? Weil keinen Wert mehr hat, was nicht verkauft - und die obszönen Superreichen zum kollektiven Vorbild geworden sind."

    "Der Kapitalismus hatte mit dem Zusammenbruch der verzagten Gegenversuche endgültig gewonnen, und befand sich auf der Geraden zur eigenen Explosion, die in Kürze bevorsteht. Gesellschaftlich respektiert werden unterdes nur noch Menschen, die es zu was, sprich: zu Geld gebracht haben. Die kollektiven Vorbilder sind Superreiche, und deren durch die Inflation der Yellow Press für alle erreichbar scheinenden Lebensmodelle, die Helikopter, goldene Wasserhähne und Speedboote beinhalten."

    "Was nicht verkauft, hat keinen Wert. Der Erfolg gibt ihnen recht, das ist eines der blödesten Sprichworte unserer Zeit, die hoffentlich bald zu einem universellen Kollaps führen wird, zu einer großen Pulverisierung von allem, was wir kennen, um der Verblödung ein erfreuliches Ende zu bescheren."(Sibylle Berg im Spiegel-Online Mai 2011)

    Literatur zu Décroissance und Kapitalismuskritik (kleiner Auszug):

    Nouriel Roubini - Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft
    Die wohl beste Faktensammlung über die Weltwirtschaftskrisen 2008/2011
    Paul Krugman - Die neue Weltwirtschaftskrise
    Der sympathische Nobelpreisträger erklärt uns leicht verständlich die aktuelle Weltlage
    Tim Jackson - Wohlstand ohne Wachstum
    Das scheinbar Unmögliche möglich gemacht !
    Christian Felber - Die Gemeinwohl-Oekonomie
    Das Wirtschaftsmodell der Zukunft
    Robert Kurz - Schwarzbuch Kapitalismus
    Der Klassiker zur Kapitalismukritik - aktueller denn je!


    Hans-Christoph Binswanger - Vorwärts zur Mässigung: Perspektiven einer nachhaltigen Wirtschaft
    DER linke Schweizer Oekonomie-Professor mit der Quintessenz seines langen Forscherlebens
    Urs P. Gasche, Hanspeter Guggenbühl - Schluss mit dem Wachstumswahn
    Das überzeugende Schweizer "Plädoyer für eine Umkehr"
    Seidl / Zahrndt (Hrsg.) - Postwachstumsgesellschaft
    Sehr gute Einführung in die komplexe Thematik der sog. Décroissance
    Robert Misik - Alles Ware
    Konsumkritik vom Feinsten
    Robert Misik - Genial dagegen
    Kritisches Denken von Marx bis Michael Moore


  • Binswanger, Hans Christoph (2009). Vorwärts zur Mässigung. Murmann Verlag, Hamburg. ISBN 978-3-86774-072-2
  • Knolle, Helmut (2010). Und erlöse uns von dem Wachstum, Verlag Pahl-Rugenstein, Bonn.
  • Gasche, Urs P., Guggenbühl, Hanspeter (2010). Schluss mit dem Wachstumswahn – Plädoyer für eine Umkehr, Rüegger Verlag, Zürich.
  • Seidl, Irmi und Zahrnt, Angelika (2010). Postwachstumsgesellschaft – Konzepte für die Zukunft, Metropolis Verlag, Marburg. ISBN 978-3-89518-811-4.
  • Staud, Toralf (2009). Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen – Lügen, bis das Image stimmt, Kiepenheuer und Witsch, Köln. ISBN 978-3-462-04106-4.



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    zum Inhaltsverzeichnis



    8. Homöostase und Dialektik - Grundprinzipien der Polarität und des Ausgleichs

    Dialektik der Aufklärung
    ..................

    Die meisten organischen und psychischen menschlichen Prozesse streben nach einem Ausgleich zwischen Extremen. Meist nicht gleichzeitig sondern meist nacheinenander (vgl. serielle Dialektik in Kapitel X).
    Auch hier ist Sigmund Freud wichtig zu erwähnen, weil er mit seinen sog. Topiken solche Homöostase-Modelle entwickelt hat - ein anderer Vetreter der Ausgleichs- bzw. Druck/Gegendruck-Theorien ist Konrad Lorenz.



    9. Wirkfaktoren gelingender Psychotherapie im "Zeitalter des Narzissmus"

    Grundkonzepte allgemein: Uebersicht und Definitionen

    Wenn ich jetzt im folgenden klinische Konzepte skizziere, sind diese immer in einem politischen und gesellschaftlichen Gesamtkontext zu verstehen (vgl. Kapitel 2 und 3 in diesem Buch), wo es darum geht, dem Einzelnen, und sei er/sie noch so Nonkonform bzw. "krank", seine/ihre Würde zur&ul;ckzugeben.
    Statt das Individuum therapeutisch in die Norm zu pressen geht es vielmehr darum, den Symptomen und der Andersartigkeit einen Sinn zur¨ckzugeben und ein lebenswertes Leben zu ermöglichen, in der Tendenz eher ausserhalb des langweiligen Mainstreams in selber gewählten Wohn- und Arbeitsformen.
    Nun aber zu den psychologischen Auswirkungen der inneren und äusseren Einflüsse, wie sie sich im Individdum zeigen und dementsprechend therapeutisch angegangen werden können - dies sind dann die sog. Wirkfaktoren.

    Uebersicht der Konzepte:

    Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie - was ist das ?

    Auf der Basis von Sigmund Freud Psychoanalyse mit dem Vorbewussten sich befassende Behandlung
    Unbewusstes muss durch aufwaendige, d.h. lange und teure Psychoanalse mittels sog. Uebertragungseurose waehrend Jahren durchgearbeitet werden.
    Meistens reicht es das sog. Vorbewusste, das ist sog. "bewusstseinsfaehiges" Material, bewusst zu machen wozu eine 10-30 Sitzungen dauernde Tiefenpsychologische Behandlung meistens ausreicht.

    - Bewusst (wach) - kognitive Therapieformen, inkl. Verhaltenstherapie, Beratung, Coaching
    - Vorbewusst (bewusstseinsfähig) - tiefenpsychol. fundiert, inkl. Integrative Therapie, Gestalttherapie u.a.
    - Unbewusst (inkl. verdrängt) - Klassische Psychoanalyse, inkl. Jung, Adler, Kernberg, Kohut u.a.



    I. Grundkonzepte psychischen Funktionierens:

  • SELBSTWERT, Orientierung und Kontrolle - Bandura, Rotter, Flammer: Selbstwirksamkeit
  • IDENTITÄT - Petzold: Die 5 Säulen der Identität, Souveränität, Kompetenz/Performanz

  • ENTWICKLUNG - Erikson, Perrig-Chiello, Petzold, Baltes, Rutter: Life-Span-Development-Approach
  • Selbstregulation und Wachstum - Maslow, Rogers: Human Potential

  • BEZIEHUNG und Bindung - Bowlby, Lorenz
  • KOMMUNIKATION - Systemische Ansätze - Satir, Minuchin, Stierlin, Von Werdt


    II. Grundkonzepte psychotherapeutischen Handelns:

  • KONTAKT und DIALOG - Perls, Buber: Gestalttherapie
  • MUSTER / SCHEMATA - Grawe/Greenberg: Schemata
  • Lösungsorientiertheit - De Shazer: Lösungsorientiertheit
  • RESSOURCEN - Antonovsky: Salutogenese
  • FLOW - Czicentimihaly: Flow

    Weitere Stichworte:
  • Uebertragung / Gegenübertragung
  • Widerstand, Arbeit mit...
  • Phasen des therap. Prozesses: inkl. Small Talk am Anfang und Ende
  • ...........
  • ............




    KONZEPT (mit wichtigsten AutorInnen): Umsetzung in die Praxis (Beispiele und Hinweise):
       

    ENTWICKLUNG (u.a. Erikson), "Krise als Chance" (Ciompi)

     
       
    KONTROLLE

    Locus of Control (Rotter), Selbstwirksamkeit (Bandura), Erlernte Hilflosigkeit (Seligman), Sense of Coherence (Antonowsky), Empowerment/Souveränität (Petzold)

    "Was kann/will ich (selber!) tun?" (Coping); Hobbies, Schreiben, soziales Netz, Wochenziel, Krisenmodelle, sich den anderen vorstellen, Mitbestimmen was in der Gruppe läuft, "Was will ich hier (erreichen)", Souveränitätsbild, Hilfe zur Selbsthilfe, Standortbestimmung etc. - was kann ich besonders gut, was sind meine Stärken/Schwächen, meine Identität, mein Selbstverständnis

       

    RESSOURCEN (u.a. Grawe, Petzold), Salutogenese (Antonovsky), Coping (Lazarus, Heim)

    innere Beistände, Distanzierung (Kino), "safe place", Identitätssäulen, soziales Atom, Hobbies, (gesunde Anteile !), Stärken und Fähigkeiten, WE (freie Zeit) vor-, nachbesprechen etc.

       

    DIALOG (Buber), Intersubjektivität (Petzold), Kontakt (Perls)

    Vorstellen (selber/andere), offene Gesprächsgruppe, Brainstorming, Themenzentrierte Interaktion, (TZI), Dialogmalen, Rollenspiele, etwas in Kleingruppen besprechen/vorbereiten, Gruppenbild, Halbgruppen (mehr Tiefung möglich), Feedback/Sharing, Komplimente

    SCHEMATA: Schemata, motivational (Grawe), Schemata, emotional (Greenberg), Muster/Patterns

    Direktes Fragen nach Mustern/Wiederholungen im Alltag, aktives Hinweisen auf mögliche Muster wenn PatientInnen (Beziehungs-)Situationen schildern, Thematisieren von typischen Konflikt-Mustern: Nähe/Distanz-Regulation, Entscheiden zwischen A und B etc., Ausnahmen suchen: wo konnte ich das bekannte Muster für einmal durchbrechen, wie machte ich das, wie ist das für mich, wie fühlt es sich an (felt sense!). Was hat mich überrascht, was war neu für mich diese Woche ? etc.

       

    KREATIVITÄT, "Der schöpferische Mensch" (Petzold), Figur-Grund-Prinzip (Perls)

    Schreibwerkstatt, Baumzeichnung, Dialogmalen, Namensbild, Stimmungsbild, "safe place", Traumbild, Märchen, Musik, Tanz, Bewegung, Kreative Hobbies, Gruppenspiele etc., Kreatives Potential erspüren und entfalten lassen mit Anreizen dazu, möglichst offene, breite Themen

       

    LÖSUNGSORIENTIERUNG (De Shazer), Aktivierung (s.a. Bewegungsth.), Hier & Jetzt-Prinzip (Perls)

    Was funktioniert (noch)? Highlights der Woche erzählen lassen, Ueberraschendes/Neues suchen lassen, Wochen-, Tagesziele, Einzelarbeit in der Gruppe (vicarielles Lernen), Ausnahmen vom Problem, Wunderfrage (De Shazer), Reframing ("Halbvolles Glas"), Mitentscheiden etc.

       

    Felt Sense (Gendlin), Flow (Csikszentmihalyi), subjektive Anatomie (Uexküll et al.), Störungen (Cohn),

    Körperwahrnehmung, -bild, Ausnahmen vom Problem, "Was kann/will ich (selber!) tun?" (Coping), Befindlichkeitsrunden, Situationen verändern, Wunderfrage, Baumzeichnung, Situations(nach)besprechungen, Mitentscheiden etc.

       






    2.1. Konzept der "Souveränität" (Petzold 1998a), Konzepte des "locus of control" [LOC] (Rotter), der Kontrollmeinung (Flammer 1994), der "self-efficacy" (Bandura 1997) und des "sense of coherence" (Antonovsky 1997):

    Dies sind die Hauptkonzepte dieses Ansatzes (hier weitgehend synonym verwendet, da die Unterschiede in diesem Zusammenhang vernachläßigbar sind), weil gerade in Krisensituationen das Gefühl des "ich kann ja doch nichts machen" oft vorherrscht und sich daraus oftmals eine gesteigerte Suizidalität ergibt (externer locus of control = ext LOC). Wir versuchen deshalb, den uns anvertrauten Menschen "control" (deutsch etwa: selbstbestimmtes Handeln, nicht zu verwechseln mit dem deutschen "Kontrolle") zurückzugeben, indem der subjektive Standpunkt des Patienten, der Klientin, hervorgehoben wird und seine/ihre Meinungen, Einstellungen, Ziele etc. explizit und wertschätzend in den Mittelpunkt gestellt werden (vgl. auch Blaser et al. 1989), seine Handlungsimpulse zur Geltung kommen (interner LOC) etc., um so der "erlernten Hilflosigkeit" (Seligman 1975) entgegenzuwirken.
    Damit wird die persönliche Souveränität (Petzold 1998a) und das Selbstvertrauen gestärkt (Im Konzept der Souveränität werden die vier Konzepte (Rotter, Flammer, Bandura, Antonovsky) im Sinne eines Metakonzeptes zusammengeführt, das überdies noch Selbstwert und Selbstvertrauen/Grundvertrauen mit einschließt – in einem "inneren Raum" der Souveränität, der einen "äußeren Ort" für Souveränität gewährleistet (siehe Petzold 1998a, 275ff.)).
    Dazu gehört auch das Wissen (kognitiv) um Krisen (Theorie als Intervention, s.u.) und um psychosoziale Gesundheit im allgemeinen (s.u.) um auch kognitiv das "negative Denken" (Beck 1994) in eine positive, konstruktive Richtung lenken zu können (vgl. das Reframing in der systemischen Therapie).
    Dieser angestrebte interne locus of control zieht sich durch die folgenden Konzepte hindurch und bildet den Hauptfokus oder den "Megafaktor" in dieser Form der Kriseninterventionspsychotherapie.

    2.2. Konzept des "life-span-developments".

    Diese von Petzold u.a. (z.B. Baltes, Rutter, Thomae) vertretene Sichtweise betont gegenüber der älteren Lebensphasen-Sichtweise (Erikson 1956), dass v.a. an normativen und nichtnormativen Uebergängen (also Adoleszenz, Berufseintritt, Elternschaft, Pensionierung, Relokationen) Entwicklungs-Krisen auftreten können – nicht müssen -, wenn Reorganisationsprozesse des personalen Systems und seines Netzwerkes – nicht gut unterstützt verlaufen. Es ist deshalb wichtig, diese Art von "normalen" Krisen von den (psycho-)pathologie-bedingten zu unterscheiden. Siehe auch das Salutogenese-Konzept oben.

    2.3. Die Konzepte des Kontaktes (Perls 1976, Fuhr et al. 1999), der Begegnung (Moreno 1914, Buber 1954) des Dialoges und insb. des Polyloges (Buber 1954 überschreitend: Bakhtin (1981) und Levinas (1983), vgl. Petzold 1996k und Petzold 2002c), sowie des sozialen Netzwerks (begründet von Moreno (1934), vgl. ausführlich Hass, Petzold (1999).

    Gerade Gruppen haben ja den Vorteil, dass es im "geschichtsbewussten Erleben gegenwärtiger Situationen" (man spricht hier oft seminaiv und ahistorisch vom "Hier & Jetzt", das aber als ein perspektivisches gedacht werden muss; vgl. Petzold (1981e)) mehrere konkrete Gegenüber gibt.
    Mit ihnen tritt der Einzelnen in Kontakt – und diese mit ihm, so dass Polyloge entstehen. Er kann dann in einem geschützten Rahmen Neues oder längst Vergessenes ausprobieren, lernt dadurch ganz verschiedenerlei Menschen kennen, mit denen er/sie sonst vielleicht nie Kontakt hätte, andere Meinungen, Kulturen, Präferenzen etc. Somit wird beim Individuum Flexibilität und Toleranz, auch für eigene Schwächen, gefördert. Erweitert werden auch die soziale Kompetenz (das Wissen um, die Fähigkeiten für soziale Situationen) und die soziale Performanz (das Können, die Fertigkeiten in sozialen Situationen "souverän zu sein", s.o.) und das Gefühl des Verbundenseins und der Solidarität.

    2.x. Konzept der Ressourcenorientiertheit (versch. Autoren, in der klinisch-psychologischen Forschung momentan ein "Renner", z.B. Petzold 1997p, Grawe 1998) und der Salutogenese (Antonovsky).

    Es hat sich gezeigt, dass ein nur-problemorientiertes Vorgehen zu Frustration und Resignation führen kann. Ein Anknüpfen an bestehenden Fähigkeiten und Stärken hingegen setzt Energien zu kreativen Lösungsansätzen frei. Das Entdecken und Erweitern des eigenen Potentials steigert die Selbstwirksamkeit und das lustvolle, bejahende Lebensgefühl. Salutogen heisst, dass auch Gesundheit eine Entwicklung voraussetzt, eine Biographie hat, und die Pathogenese ergänzt. Hier hat auch das biographische Arbeiten (Osten 2000) (sogar in der Gruppe!) seinen Platz. Aus den salutogenen Erfahrungen entstehen oft die besten Lösungsansätze.

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    2.4. Die Konzepte der Schemata: kognitive (Neisser, Lauken), motivationale (Grawe 2000), emotionale (Greenberg et al. 1993) und volitive (Petzold 2001).

    Ein "Schema" entspricht ungefähr dem verbreiteteren deutschen Ausdruck "Muster" bzw. englisch "Pattern".
    Der Schemabegriff stammt ursprünglich vom ersten "klinischen Psychologen", Begründer moderner wissenschaftlicher Psychotherapie und Traumatherapie, Pierre Janet – Psychiater an der Salpetière, den Piaget als "seinen Lehrer" bezeichnete (Petzold 2002h). Er wurde vom Genfer Psychologen Jean Piaget in der allgemeinen und Entwicklungspsychologie populär gemacht und fand in breiter Weise in die kognitve Psychologie Eingang (Mandler, Schank/Abelson, Neisser u.a.).
    Klaus Grawe hat das Verdienst, diese Arbeiten der Kognitivisten aufgenommen und die so populäre und verbreitete Vorstellung von "Mustern, die unser Leben steuern" in einen klinisch anwendbaren Schemabegriff gefaßt zu haben. (Adler sprach von "Lebensstil", Berne sprach von "Script", Petzold spricht von "Narrativen", Stilen, life styles (vgl. Müller, Petzold 1999).
    Gegenüber Janet, Piaget, Neisser ist Grawes Schemakonzeption eher reduktionistisch. Schemata werden oft enggreifend aufgefasst (kognitive Schemata, emotionale Schemata). "Stil" als ein "Synergem von Schemata" greift weiter: Stile sind "komplexe Konfigurationen von Schemata, nicht-lineare Schemaketten mit multiplen Ko-respondenz-, Resonanz- und Evolutionsprozessen, deren Informationen netzartig verbunden werden und sich dadurch akkumulieren und nicht exakt veraussagbar transformieren können" (Petzold 1992a, 829). Schemata werden oft alleinig als "innere" Muster gesehen, ein ökologischer Ansatz allerdings sieht Schemata in Interaktion untereinander – ein Konzept neuronaler Netzwerktheorie im Hintergrund läßt gar keine andere Sicht zu – und in Interaktion mit dem Umfeld (Petzold, van Beek, van der Hoek 1994, 521f, 553ff).
    Das gilt auch für eine scheinbar "intrapersonale" Argumentation: Die des Leibselbst sieht als ein "Synergem, die im Leibgedächtnis festgehaltene Repräsentation komplexer, interdependenter sensumotorischer, emotionaler, [volitiver], kognitiver und sozial-kommunikativer Schemata bzw. Stile" - so Petzolds Definition, aber er fährt fort: "die kommotibel über die Lebensspanne hin ausgebildet werden" (Petzold 1970c/1992a, 535).
    "Kommotibel" heißt, in Interaktion, in gemeinschaftlicher Bewegung mit den Menschen, den Mikroökologien des Umfeldes. Grawe hat wie gesagt einen enger gefassten Schemabegriff – der allerdings auch Komplexität reduziert (und das hat natürlich genauso seinen Preis wie die komplexen Schema-, Stil- und Narrativbegriffe ihren Preis haben) – für seine Konzeption psychologischer Therapie, als einem integrativen Ansatz, hergeleitet, untermauert und differenziert zu haben; siehe sehr ausführlich in Grawes empfehlenswertem Buch "Psychologische Therapie" von 1998 bzw. 2000 (2te Aufl.).
    Hier geht es also darum, mit dem/der Betroffenen im Dialog/Polylog seine/ihre ganz persönlichen Wiederholungszwänge (psychoanalytisch ausgedrückt), Narrative (sich perpetuierende Muster, Geschichten, integrativ-therapeutisch ausgedrückt) – und diese können eine negative, aber auch positive Qualität haben (Stile des "copings" oder "creatings"), herauszufinden und zu bearbeiten oder – wo sie positiv sind – als Ressourcen zu nutzen (Petzold 1997p).

    All dies im Rahmen einer differenzierten Interventionskonzeption, die folgende klinische Orientierungen haben kann: Curing – Beschädigung heilen, mindern; coping – Belastendes bewältigen helfen; supporting – in Schwierigkeiten unsterstützen; dann in salutogenetischer Orientierung; Enlargement – begrenzte Sicht erweitern; enrichment – Lebensqualität verbessern, das Leben bereichern; empowerment – Selbstwirksamkeit, Selbstbestimmtheit, Souveränität in Polylogen, d.h. vernetzten Gesprächen, ermöglichen und fördern (Orth, Petzold 1995).

    Zunächst eine kurze Definition von Polylog:
    "Polylog wird verstanden als vielstimmige Rede, die den Dialog zwischen Menschen umgibt und in ihm zur Sprache kommt, ihn durchfiltert, vielfältigen Sinn konstituiert oder einen hintergründigen oder untergründigen oder übergreifenden Polylogos aufscheinen und "zur Sprache kommen" läßt – vielleicht ist dies ein noch ungestalteter, "roher Sinn" im Sinne Merleau-Pontys (1945 bzw. 1966) oder ein "primordialer Sinn", (Petzold 1978c), eine "implizite Ordnung" (Bohm), die auch schon die Gestaltungsmöglichkeiten und -formen enthält oder "chaotischen Sinn" – warum nicht? - "Polylog ist ein ko-kreatives Sprechen und Handeln, das sich selbst erschafft ... aber auch als "das vielstimmige innere Gespräch, die innnere Zwiesprache, die sich vervielfältigt" (Petzold 1988t).

    Gesprächsgruppen sind polylogisch. Das Erfassen von Problemen und Potentialen erreichen wir u.a. durch:
  • Direktes Fragen nach (und Sensibilisieren für) Mustern/Wiederholungen im Alltag,
  • aktives Hinweisen auf mögliche Muster, wenn PatientInnen (Beziehungs-) Situationen schildern,
  • Thematisieren von typischen Konflikt-Mustern: Nähe/Distanz, Entscheiden zwischen A und B etc.,
  • Ausnahmen suchen: wo konnte ich das bekannte Muster für einmal durchbrechen, wie mach(t)e ich das, wie ist das für mich und "wie fühlt es sich an, wenn ich mal das Untypische, Neue ausprobiere?", "Was hat mich überrascht, was war neu für mich?" (vgl. auch De Shazer 1999, De Jong, Berg 1998).


  • Schon Fritz Perls (1976) hat betont, dass schon das schlichte Benennen von (psychischen) Abläufen und Phänomenen zu deren Veränderung beiträgt, sodass häufig ohne großen Aktionismus (Agieren!) seitens des Therapeuten eine Selbstreflektion, ja ein Interesse am eigenen Erleben und Verhalten überhaupt, in Gang gesetzt wird, mit der die Klientin selbständig ihren Weg findet aus der Abhängigkeit von dysfunktional gewordenen (Bewältigungs-)Mustern heraus. Auch da ist das Erleben der eigenen Wirksamkeit (s.o.) wieder sehr zentral und der Empowerment-Ansatz (s.o.) sehr wichtig.

    2.5. Konzept des schöpferischen Menschen (Petzold, Orth 1990).
    Gerade in den Gestaltungsgruppen und in der Musiktherapie erleben viele PatientInnen ihr kreatives Potential. Hier geht es darum, vom z.B. "ich kann nicht malen" zu einem individuellen Stil zu kommen, der subjektiv "stimmig" ist. Ueberhaupt werden die Leute ermuntert, auch nach Austritt ihre "Entdeckungen" (z.B. "Bewegung tut mir gut") weiterzupflegen, sei es im therapeutischen oder besser noch "gesunden" Rahmen.

    2.6. Konzept der Lösungsorientiertheit (De Shazer 1999, Angermaier 1994) versus Problemfixiertheit (z.B. Wunderfragen, Ausnahmefragen).

    Mit Hilfe der Techniken aus der systemischen Kurzzeittherapie nach De Shazer et al. (De Jong, Berg 1998) kommen Menschen meist ganz gut in die "erlebte Gegenwart der Aktualsitution" [das Hier und Jetzt, zeittheoretisch gibt es das nicht, reine Ideologie, vgl. Petzold 1981e, das Jetzt ist – ausgesprochen – schon vergangen, "erlebte Gegenwart" ist viel besser, anschlussfähig an die Phänomenologie, Bergsons "durée", auch Perls "continuum of awareness"] und – wo vorhanden - in eine Blockierung, den "Impasse" (Perls 1976).
    Es passiert eine Umkehr der depressiogenen Sicht (Beck 1990) insofern, dass das Glas statt als halbleer als halbvoll gesehen wird. Durch die radikale Ressourcenorientiertheit wird das intrapsychische System mobilisiert, sekundärer Krankheitsgewinn bewusst gemacht und damit der Weg freigegeben für konstruktive, "stimmige" und selbstbewusste Schritte hin zu einem selbstbestimmteren, souveräneren Leben - kurz, die Selbstwirksamkeit wird oft in beeindruckendem Maße erhöht.
    Interessanterweise führt gerade diese Haltung und dieses Vorgehen oft zu Widerständen, weil es auch einen Abschied bedeutet von habitualisierten Mustern des Jammerns und Klagens. Ein selbstbestimmtes Leben erscheint oft gar nicht als so attraktiv. Nichtsdestotrotz sollte m.E. bei solchen Menschen nicht locker gelassen werden mit dem steten Nachfragen und sorgsamen Konfrontieren nach Ausnahmen (sensu De Shazer (1999): Der Dreh).
    Ein Agieren des Therapeuten indes (z.B. passivierendes Rat geben statt aktivierende Beratung, depontenzierndes Bedauern statt ermutigende Bestärkung, strafende Konfrontation statt mobilisierende etc.) wäre fatal, weil dann der negative Denkzirkel und die Passivität wieder Nahrung bekämen.
    Eine gewisse Diffusion und Verwirrung, ein Moment des Nicht-Weiterwissens (vgl. Perls' Impasse (1976)) ist sehr fruchtbar und für die meisten Menschen gut aushaltbar (Vorsicht ist allerdings geboten u.a. bei Menschen mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung, einer Posttraumatischen Belastungsstörung oder einer Psychose; diese können u.U. in der Diffusion hängenbleiben und brauchen ein strukturierteres Vorgehen, vgl. Hutterer-Krisch 1996, Roder et al. 1988).

    2.8. Konzept der Identitätsaspekte (siehe Petzold 1993).

    2.9. Konzepte der "Vier Wege der Heilung und Förderung" (siehe Petzold 1996; 2001a) und der "Vier Wirkfaktoren" (siehe Grawe 1998).

    2.11. Konzept des "Felt Sense" (Gendlin) und des "Störungen haben Vorrang" (Cohn).

    Auch wenn Gruppen relativ stark strukturiert sind, sollten die Gruppenleiter immer wieder dazu bereit sein, eine Planung fallen zu lassen, wenn eine akute Störung bei einem oder mehreren Gruppenmitgliedern vorliegt. Zuweilen kann es aber auch angezeigt sein, daß Teilnehmer es lernen, Spannungen auszuhalten, "Frustrations- und Ambiguitätstoleranz" zu entwickeln.
    Die von Perls entlehnte Focusing-Methode von Gendlin (z.B. Gendlin 1998) versucht diesen "Un-Stimmigkeiten" auch körperlich nachzugehen, um sie "stimmig" [ein m.E. zu unrecht belächelter Begriff] und benennbar werden zu lassen.

    2.12. Konzepte der Krise überhaupt.

    Es wird z.B. das 6-Phasen-Modell (Jacobson oder Ciompi 1997, siehe Schnyder/Sauvant 1994) mit den PatientInnen besprochen (Theorie als Intervention, s.u.).

    Es gäbe noch einige Konzepte mehr zu beschreiben, die in ihrer Relevanz mir nicht mehr ganz so wichtig wie die obengenannten erscheinen und die ich deshalb an dieser Stelle weglasse.

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    Literatur (auszugsweise):

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  • Beck, Ulrich (1999). Schöne neue Arbeitswelt - Vision Weltbürgerschaft, Campus Verlag Frankfurt/New York.
  • Heitmeyer, Wilhelm (2002). Süchtig nach Anerkennung - Wer nicht auffällt, wird nicht wahrgenommen. Die ZEIT, 19/2002.
  • Nuber, Ursula (1996). Die Egoismus-Falle. Warum Selbstverwirklichung so oft einsam macht, Kreuz Verlag Stuttgart.
  • Postel, Gert (2001). Doktorspiele - Geständnisse eines Hochstaplers, Eichborn Verlag Frankfurt.
    Schäfer, Bodo (1998). Der Weg zur finanziellen Freiheit - In sieben Jahren die erste Million, Campus Verlag Frankfurt/New York.
  • Scheich, Günter (2001). Positives Denken macht krank. Vom Schwindel mit gefährlichen Erfolgsversprechen, Eichborn Verlag Frankfurt am Main.
  • Schwertfeger, Bärbel (2002). Die Bluff-Gesellschaft - Ein Streifzug durch die Welt der Karriere. WILEY-VCH Verlag
    Sennett, Richard (1998). Der flexible Mensch - Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin Verlag Berlin.

    Literatur zu Décroissance und Kapitalismuskritik:

  • Binswanger, Hans Christoph (2009). Vorwärts zur Mässigung. Murmann Verlag, Hamburg. ISBN 978-3-86774-072-2
  • Knolle, Helmut (2010). Und erlöse uns von dem Wachstum, Verlag Pahl-Rugenstein, Bonn.
  • Gasche, Urs P., Guggenbühl, Hanspeter (2010). Schluss mit dem Wachstumswahn – Plädoyer für eine Umkehr, Rüegger Verlag, Zürich.
  • Seidl, Irmi und Zahrnt, Angelika (2010). Postwachstumsgesellschaft – Konzepte für die Zukunft, Metropolis Verlag, Marburg. ISBN 978-3-89518-811-4.
  • Staud, Toralf (2009). Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen – Lügen, bis das Image stimmt, Kiepenheuer und Witsch, Köln. ISBN 978-3-462-04106-4.





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